Das Besondere am Skigebiet Zell am See–Kaprun ist der Gletscher. Genau 3203 Meter ragt das Kitzsteinhorn in die Höhe und wer einmal dort oben war und auf der anderen Seite in den Nationalpark Tauern geblickt hat, wird sich plötzlich der Schönheit dieser einzigartigen Natur bewusst. Nur das sich dort oben befindende Kino, das „Cinema 3000“, setzt mit seinem in Endlosschleife gezeigtem Bergwelt-Film noch einen drauf. Mit Gänsehaut-Musik, aber kommentarlos, reihen sich traumhafte Natur- und Tieraufnahmen aneinander. Nach zehn Minuten stapft man in Skistiefeln wieder heraus und denkt: „Wie schön die Welt doch ist.“ Und doch wird es von Jahr zu Jahr spürbarer: Das „ewige Eis“, hat etwas von seiner Ewigkeit verloren. Im nächsten Jahr wird der Gletscher wieder ein Stück zurückgegangen sein.

Ein Berg muss mit Würde erschlossen werden

„Bei dem Film steckt schon ein bisschen pädagogische Absicht dahinter“, sagt Norbert Karlsböck, Bürgermeister und Mitglied des Vorstandes der Gletscherbahnen Kaprun AG. „Wir haben hier diese einzigartige Natur, sie ist nicht nur schützenswert, sondern auch unser Kapital.“ Seit 2006 setzt er sich als technischer Leiter für aktives Umweltmanagement ein. „Weil uns bewusst ist, dass jede Baumaßnahme immer ein Eingriff in die Natur bedeutet, arbeiten wir mit dem Salzburger Institut für Ökologie  zusammen. Bei jeder Maßnahme werden Ökologen in die Planung und in die Projektbetreuung integriert.“

Besonders Lift- und Beschneiungsanlagen verbrauchen in Skigebieten enorm viel Strom. Diesen Sommer entstand am Kitzsteinhorn ein neues Kraftwerk, das im Winter das Gebiet mithilfe einer Pumpstation mit Wasser aus den Stauseen versorgt. Im Sommer dienen die Pumpen als Turbinen und nutzen das Schmelzwasser für die Stromproduktion. Für diese Investition erhielt das Unternehmen in diesem Jahr auf der Alpenkonferenz eine wichtige Umwelt-Auszeichnung: Den „pro natura – pro ski Award“. „Auf diesen Preis sind wir besonders stolz“, sagt Karlsböck. Aber es sind auch noch viele andere Dinge, auf die geachtet werden. So gibt es einen Müllbeauftragen, die genutzten Hydraulik-Öle für die Pistenfahrzeuge sind biologisch abbaubar und Schäden an Grasnarben aus alten Zeiten wurden durch Neubegrünung wieder behoben. „Für mich ist der Berg als lebendiger Organismus zu betrachten und der Mensch ist nur ein Teil davon. Deshalb muss er mit Würde erschlossen werden“, sagt der Bürgermeister ernst. Deshalb arbeitet das Skigebiet auch eng mit dem angrenzenden Nationalpark Hohe Tauern zusammen, dem größten Naturschutzgebiet der Alpen.

Unweit vom Kitzsteinhorn befindet sich die Schmittenhöhe. Die Abfahrten hier liegen auf unter 2000 Meter. Flora und Fauna unterscheiden sich also vom Kitzsteinhorn und somit hat es die Schmittenhöhenbahn AG mit ganz anderen Herausforderungen zu tun, was das Thema Nachhaltigkeit betrifft. Dr. Erich Egger ist Vorstand der Schmittenhöhenbahn und weiß, in welch schlechtem Zustand sich der Berg noch bis ins 19. Jahrhundert hinein befunden hat. „Durch eine fast vollständige Rodung für die Holzkohlegewinnung war er, man kann fast sagen, zerstört worden. Dadurch kam es oft zu Überschwemmungen.“ Langsam erholte sich der Wald wieder, doch dann kamen in den 20er-Jahren die ersten Skifahrer und mit ihnen die ersten Planierraupen. „Der Boden war extrem beschädigt. Mit den Folgen haben wir immer noch zu kämpfen“, berichtet Egger. Heutzutage, so erzählt er, wird für den Pistenbau die Oberfläche des Bodens aufwändig abgetragen und nach der Präparierung wieder an seinen Ursprungsort zurückgesetzt. Dadurch bleibt die natürliche Vegetation erhalten. Und doch ist das größte Problem ein ganz anderes: Skifahrer, die sich nicht an die Pistenmarkierungen halten und in den Wald hineinfahren. Dadurch werden nicht nur seltene Pflanzen in Mitleidenschaft gezogen, auch für die dort lebenden Tiere bedeuten die Massen an sogenannten Variantenfahrern Stress. Sie geraten in Panik und brechen irgendwann zusammen „Die Jäger berichten uns immer wieder von Tieren, die sie abseits der Pisten gefunden haben und so erschöpft waren, dass sie erschossen werden mussten“, erzählt Egger. „Hier hilft nur Aufklärung. Verbote bringen da nichts.“ Und Aufklärung bedeutet nicht nur das Gespräch mit der Freerider-Szene zu suchen, sondern auch, spezielle Pisten für diese Zielgruppe einzurichten.

Mit dem Nachtzug CO2 im Schlaf einsparen

Während die Schmittenhöhe AG sich also eifrig mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzt und beispielsweise eine Photovoltaikanlage plant, die so viel Öko-Strom produzieren soll, dass 150 Einfamilienhäuser damit versorgt werden könnten, liegt es auch in der Hand der Urlauber, ihren Teil dazu beizutragen. „Den CO2-Ausstoß so weit wie möglich verringern, ist uns eine wichtige Angelegenheit“, betonen Bürgermeister Karlsböck und Vorstand Egger. Und deshalb gibt es einen kostenlosen Skibus, der die Gäste direkt zu den Liften bringt. Noch besser ist es, ganz mit dem Zug anzureisen. Wer zum Beispiel von Berlin aus mit dem Nachtzug über München nach Zell am See anreist, ist nicht nur am nächsten Morgen ausgeschlafen an seinem Urlaubsort, sondern spart dadurch buchstäblich im Schlaf 290 Kilogramm CO2 ein. Mittlerweile bietet die Deutsche Bahn, die von den meisten großen Städten in Deutschland in die Skigebiete startet, auch einen kostenlosen Transport der Skiausrüstung an.

Klimaschutzurkunde für Zugreisende

Die Ökopension Hubertus zum Beispiel belohnt Gäste, die mit dem Zug anreisen, mit einer kleinen Überraschung und einer eigens gestalteten „Klimaschutzurkunde“. „Wie meinen das keinesfalls belehrend, sondern wollen unsere Gedanken einfach an die Gäste weitergeben“, sagen die Inhaber Beate und Bernd Mondrè. Angefangen hat alles, als sie 2001 ihre Adoptivtochter aus Guatemala abholten. Sie erlebten die Ausbeutung von Kindern auf den Kaffeeplantagen und beschlossen, in ihrer Pension nur noch Fairtrade-Kaffee anzubieten. Schließlich kam eines zum anderen. Immer mehr Produkte, die auf dem Tisch landeten, kamen aus biologischem Anbau. Dann wurde auf Ökostrom umgerüstet und auch die Heizung funktioniert jetzt mit umweltschonenden Holzpellets anstatt mit Öl. Seit 2007 verfügt die Pension über das Österreichische Umweltabzeichen. „Den Gästen gefällt das“, erzählt das Ehepaar Mondrè. „Viele kommen deshalb auch ganz bewusst zu uns“.

Auch andere Unterkünfte setzten sich vermehrt mit dem Thema Energiesparen auseinander. „Eigentlich eine Selbstverständlichkeit“, findet Stefan Unterkofler, der gemeinsam mit seiner Frau Anna das Hotel Kaprunerhof betreibt. Vor elf Jahren hat das Ehepaar ein völlig heruntergekommenes Gebäude in ein urgemütliches Vier-Sterne-Hotel verwandelt. Energieeffizienz war beim Umbau ein wichtiges Thema, sodass dem Ehepaar anschließend eine Umweltenergie-Auszeichnung verliehen werden sollte. „Wir haben sie nicht angenommen“, sagt Stefan Unterkofler dazu trocken. „Weil so etwas normal sein sollte.“

Öko als Standard, das ist gilt auch für Biobäuerin Helene Zehentner. Sie lebte und handelte schon biologisch bevor es überhaupt so genannt worden ist. Als der Holzegghof sich 1995 offiziell Biobauernhof nennen durfte, mussten sie und ihre Familie sich kaum umstellen. „Eigentlich verrückt“, sagt Helene Zehentner kopfschüttelnd, „dass uns dann noch Vorschriften über artgerechte Tierhaltung gemacht worden sind. Wenn es den Viechern nicht gut geht, geht es uns auch nicht gut. Das weiß doch jeder Bauer.“ Gelebt hat sie schon immer auf einem Bauernhof. Es ist ganz normal für sie, dass Gemüse und Obst aus dem heimischen Garten stammen, dass sie ihr Mehl selbst mahlt und ihr Brot selbst backt. Auch Eier, Milch und Käse stammen vom eigenen Hof oder dem Hof ihrer Eltern. „Respektvoller Umgang mit Lebensmitteln, das ist wichtig“, sagt sie. „Traurig macht mich diese ,Kauf-Drei-Zahl-Eins-Mentalität'. Das führt dazu, dass zu viel wertvolles Essen weggeschmissen wird.“ Auch sie betreibt auf ihrem Hof eine kleine Pension. „Die Gäste wundern sich dann immer, wie toll und intensiv das alles schmeckt.“

Die Menschen sehnen sich wieder nach Naturerlebnissen

Was die Hotelwirte, Liftunternehmen und andere Verantwortliche im Tourismus in den vergangenen Jahren vermehrt feststellen, ist, dass auch die Urlauber Fragen stellen. „Ist das biologisch und aus der Region?“, hören sie oft. Führungen durch den Nationalpark sind beliebter den je und auch Bürgermeister Norbert Karlsböck stellt fest, dass die Gäste an ihren Nachhaltigkeitskonzepten interessiert sind. Klima- Natur- und Abwasserschutz – das sind Themen, die immer besser ankommen. „Ich habe sogar das Gefühl, dass wilde Aprés-Ski-Partys längst nicht mehr so gefragt sind wie noch vor zehn Jahren“, glaubt Hotelbesitzer Stefan Unterkofler. „Die Menschen suchen wieder Erholung und Erfahrungen in einer Natur, die möglichst unberührt sein soll.“ Und doch wissen alle, dass trotz der vielen Maßnahmen am Kitzsteinhorn der Gletscher weiter zurückgehen wird. „Wir haben es hier mit einem globalen Problem zu tun“, erklärt Norbert Karlsböck. Ein wenig Globalität steckt aber auch in Zell am See - Kaprun. Menschen aus über 50 Nationen kommen jedes Jahr hier her, um Urlaub zu machen. Und vielleicht ist die Nachhaltigkeit, die hier an vielen Stellen vorgelebt wird auch ein wenig ansteckend.

Wie sich auch das Klima in den nächsten Jahrzehnten tatsächlich verändern wird, weiß niemand genau vorherzusagen. Dass der Alpenraum als Urlaubsziel allerdings immer wichtiger wird, davon ist Norbert Karlsböck überzeugt. Und genau deshalb ist es für ihn umso wichtiger, auf die unmittelbare Natur acht zu geben. Sie ist eben das Kapital der Region.

Infos und Links

Freizeit-Tipp Zell am See: Das 2010 eröffnete Tauern Spa liegt am Fuße des Kitzsteinhorns und ist eines der modernsten Gesundheitsressorts Europas. Auf mehr als 20.000 Quadratmetern ist hier eine ganz besondere Wasser-und Saunawelt entstanden, in der man sich nach einem langen Tag auf der Piste wunderbar entspannen kann. Übrigens wurde auch bei der Konstruktion dieser Anlage auf Nachhaltigkeit geachtet. Baustoffe wie Holz und Steine stammen hauptsächlich aus der Region und auch der genutzte Strom wird aus einer Salzburger Biogasanlage bezogen. Statt mit einer Klimaanlage wird die Temperatur mit Jalousien geregelt. www.tauernspakaprun.com

Links

- Webseite des Skigebietes Zell am See - Kaprun: http://www.zellamsee-kaprun.com/de

- Ökobericht zum Download: http://www.zellamsee-kaprun.com/dokumente/fuer-artikel/schmitten/schmitten_oekobericht_2012.pdf

- Ökopension Hubertus: http://www.hubertus-pension.at/

- Hotel Kaprunerhof http://www.kaprunerhof.at/

- Biobauer Holzegghof http://www.holzegghof.at/

- Mit dem Europa-Spezial in die Skigebiete schon ab 39 Euro: http://www.bahn.de/p/view/angebot/international/europaspezial/oesterreich.shtml

- Einschlafen, aufwachen und schon im Schnee. Nachtzugverbindungen in dein Skigebiet: http://www.bahn.de/citynightline/view/de/reiseziele/reiseinfos/skigebiete.shtml

- Mehr über den „pro natura – pro ski AWARD“ http://www.skiaudit.info/de/