Sie war nicht nur die allererste Snowboard Olympiasiegerin im Freestyle und die erste Europäerin, die sich den prestigeträchtigen Titel der US Open sichern konnte, Nicola Thost stand für eine neue Generation Snowboarderinnen, für die 720s so alltäglich waren wie Zähneputzen. Der 35-jährigen Münchnerin gelang das seltene Kunststück ihre Karriere als Snowboard Pro auf dem Zenit zu beenden und sich nach einer kreativen Pause und ihrem Studium ganz der Talentförderung verschrieben. Im Interview erzählt die Halfpipe Queen von 1998 über ihre ersten Stehversuche auf dem Snowboard und ihren großen Plänen, der nächsten Snowboarder Generation auf die Sprünge zu helfen.

 

Nicola, du hast gerade drei intensive Tage am Kitzsteinhorn hinter dir, der ersten Station des Sprungbretts in diesem Winter. Erzähl, wie war der Auftakt?

Hallo, der Kick off im November am Kitzsteinhorn war ein super Start in die Saison. Die meisten Kids sind ja bereits ab Oktober auf dem Gletscher unterwegs und können es kaum erwarten. Wie viel Nacharbeit es rundherum um einen Sprungbrett-Stop bzw. die Saison bedarf, hast du ja in den Wochen selbst mitbekommen – erst jetzt hab ich die Zeit und

mal etwas Ruhe, um das Interview zu machen (lacht). Aber so ist das eben, wenn man selbstständig ist. Im Winter geht es einfach sechs Monate nonstop rund.

 

Kannst du dich eigentlich noch an deinen ersten Snowboard Tag erinnern, wie alt warst du?

Oh ja, da kann ich mich gut erinnern. Ich war 14 Jahre - heutzutage schon uralt um anzufangen (lacht). Mein Vater

und mein Bruder konnten bereits ganz gut snowboarden und ich bin den ganzen Tag allein den Hang hoch gestiefelt und hab verzweifelt versucht, Kurven zu fahren. Den einzigen Tipp, den ich bekam: „Gewicht in der Mitte des Bretts, nicht nach hinten lehnen und stell dich nicht an wie ein Mädchen.“

 

Was hat dich am Snowboarden so fasziniert, dass du dich gleich entscheiden hast, Profi zu werden?

Es war nicht gerade Liebe auf den ersten Blick zwischen mir und dem Snowboard, aber ich habe es einfach geliebt draußen im Schnee und in der Natur zu sein. Von der Piste aus über Kanten in den Powder Tricks zu probieren fand ich super. Profi zu sein war nie mein ursprüngliches Ziel, ich wollte einfach so viel wie möglich Snowboarden. 1993, während der ersten WM in Ischgl stand ich an der Pipe und sah, wie Nicole Angelrath und Terje Haakonson Weltmeister wurden. Nach diesem Contest war ich dann das erste Mal in einer Pipe und wollte wissen, ob ich das auch lernen kann.

 

Wie muss man sich das vorstellen, du bist damals gleich in die Halfpipe und hast dir sämtliche Freestyle Tricks selbst beigebracht? Hattest du keinen Trainer oder gab es bestimmte Snowboarder, die dich inspiriert und deinen Style mitgeprägt haben?

Gute Frage. Manche Dinge kann ich mir heute selbst fast nicht mehr vorstellen. Aber es war tatsächlich so, wir haben uns die Tricks gegenseitig beigebracht und viel abgeschaut – learning by doing.  Pipe Trainieren war echt stets ein gemeinsames Happening. Beim hoch hiken der Pipe konnte man sich einiges abschauen und gegenseitig motivieren. Ich habe viel von den Jungs durch Zuschauen und nachfragen gelernt. Ich war lange Jahre im Kunstturnen im Verein. Dort haben wir 4-5 Tage die Woche hart trainiert und das hat mich wohl geprägt. Ich kannte meinen Körper, hatte viel Bewegungserfahrung von verschiedenen Sportarten und wusste: ohne eine gewissen Disziplin geht nix.

 

1998 dann dein unglaublicher Gewinn der Goldmedaille im Freestyle bei den Olympischen Winterspielen in Nagano. Sicher ein prägender Moment deiner Snowboard-Karriere. Wie hat sich der Olympiasieg auf dein heutiges Leben ausgewirkt und wie hat sich aus deiner Sicht Snowboarden seither verändert?

Der Olympiasieg war eine große Sache, besonders für die Menschen um mich herum. Es hat lange gedauert, bis ich mich mit dieser Aufmerksamkeit, vor allem in der Öffentlichkeit, anfreunden konnte. Ich war ja erst 21 Jahre und Snowboarden wurde bis dahin kaum medienwirksam vertreten. Ich konnte mich damals, aufgrund der Machtkämpfe der Verbände, auch nicht richtig darüber freuen: Terje Haakonson, DIE Legende unserer Snowboard Generation, hatte zuvor die Olympischen Spiele 1998 boykottiert, für die Sponsoren waren die US Open und X-Games bedeutender, die FIS überrollte einfach die damalige Snowboarder-Organisation ISF, usw. Zu viele sportpolitische Themen, die Ende der der 90er auf dem Rücken der Snowboarder ausgetragen wurden. Das ist heute leider noch immer so. Mit meinen anderen Erfolgen, wollte ich damals in erster Linie als gute Snowboarderin wahrgenommen werden, nicht „nur“ als Olympiasiegerin. Heute kann ich damit besser umgehen: Ein Olympiasieg verschafft Gehör und eröffnet Möglichkeiten, Dinge leichter zu bewegen. Beweisen muss man sich dennoch, wie immer im Leben.

 

Du warst die erste Olympiasiegerin in der Halfpipe und auch Vorbild einer neuen Generation weiblicher Snowboarder. War dir das damals bewusst und wie hast du das wahrgenommen?

Bewusst wahrgenommen hab ich das nicht. Was ich nie vergessen werde ist mein letzter Contest: die US Open 2002. Ich war nur einen Run entfernt, die US Open zum dritten Mal in Folge zu gewinnen, aber riss mir mitten im Lauf zum dritten Mal das Kreuzband. Da saß ich nun, in der Pipe, inmitten der jubelnden Menge, und habe in diesem Moment gewusst, das war es jetzt wohl leider. Kelly Clark hat schließlich gewonnen. Es fühlte sich an, als ob ich an diesem Tag das Zepter weitergegeben habe. Ich bin sehr froh darüber, wie sie in den ganzen Jahren und bis heute das Women Snowboarding gepushed hat!

 

2003 dann dein früher Rücktritt vom Profi-Snowboarden, drei gerissene Kreuzbänder sollten reichen. Nach dem Studium der Dipl. Sportökonomie und deinem kurzzeitigen Comeback bei den BEO 2007 mit einem überraschenden 5. Platz, hast du im Jahr 2010 das „Sprungbrett“ ins Leben gerufen. Ein Projekt zur Förderung junger Snowboard-Talente mit dem du nun auf der anderen Seite des Sports stehst, dein Know How und deine Erfahrung weitergibst und auch eine große Lücke in der Nachwuchsarbeit füllst. Welche Idee und Motivation steckt hinter „Sprungbrett“?

Das ist eine lange Geschichte mit dem Sprungbrett. Entwickelt hat sich das Ganze aus dem Projekt Red Bull UpSprings, das ich mit Mini Karpf (Red Bull Deutschland) ins Leben gerufen habe. 2007 war ich dafür eigens auf Talentsuche bei verschiedenen Rookie Contests unterwegs, um die besten 15 Nachwuchskids aus Deutschland, Österreich und der Schweiz  zu scouten, die dann für die UpSprings nominiert wurden. In Laax habe ich viele Jahre Pipe trainiert und dort stand plötzlich diese perfekte Monster bei schönstem Wetter. Ich wollte unbedingt selbst fahren, einfach ausprobieren, ob ich es nach all den Jahren noch kann. So kam eins zum anderen und ich habe selten einen Contest so bewusst genossen wie diesen. Für mich war es kein Comeback sondern mein offizieller Abschied den ich mir immer gewünscht hatte, mit lauter Freunden und Bekannten!
Aber ja, Sprungbrett: damals hieß es, wir haben keinen Nachwuchs, alle fahren Freeski. Das stimmt nicht! Die ganz Jungen, die Kids, waren und sind da, nur eben vereinzelt und überall verstreut unterwegs! Ich wollte diese Kids mit Sprungbrett zusammenbringen und so all diese Motivation und Freude am Snowboarden bündeln. Ich bin der Meinung, dass Zeit und Aufmerksamkeit das Wertvollste ist, was man verschenken kann. Sprungbrett, das ist ‚my tribute to snowboarding’.

 

Widerspricht solch ein Konzept nicht der Lebensphilosophie des Snowboardens. Was unterscheidet „Sprungbrett“ von konventionellen Trainingsprogrammen?

Eben genau das tut es nicht: Mit Sprungbrett kann die nächste Generation auf spielerische Art und Weise von unseren Erfahrungen profitieren. Die Freude und Begeisterung am Snowboarden zu teilen steht im Vordergrund. Es ist eine Plattform für begeisterte Snowboard Rookies, bei der sie ohne Wettkampfstress und Trainingsdruck in tollen Gebieten snowboarden, gleichaltrige Freunde kennenlernen und von uns Großen lernen können, was das Leben eines Snowboard Profis ausmacht. Der Snowboardsport bietet so viele individuelle Möglichkeiten, Lebenserfahrung zu sammeln und seinen eigenen Weg zu finden, wenn man sein Hobby zum Beruf machen möchte. Es gibt genügend Rookie-Wettkämpfe und Trainingsmöglichkeiten mit Vereinen und Trainern. Sprungbrett fängt noch eine Stufe vorher an – die Kids dabei zu begleiten, herauszufinden, wo sie im Snowboarden überhaupt hin wollen und sie dabei zu unterstützen, ihre Persönlichkeit und ihr Potential zu entfalten.

 

Um Profisportler zu werden muss man sich doch möglichst jung spezialisieren und auch der Trainingsaufwand ist hoch. Wann ist der richtige Zeitpunkt, um mit Snowboard Freestyle zu beginnen und welche Voraussetzungen sollte man am besten mitbringen?

Es gibt keinen besten Zeitpunkt. Entscheidend ist, dass man eine Leidenschaft und Motivation für das Snowboarden von innen heraus mitbringt. Das sollte im Vordergrund stehen und nicht die Suche nach Sponsoren oder Erfolgen, sondern so viel Shredden, wie geht und vor allem: Gesund bleiben und Spaß haben!

 

Drei Dinge, die wir von dir noch von dir wissen möchten:

Was ist momentan dein Trick-Favorit?

Powder Pillows Hopping

 

Wer ist aktuell der innovativste Trickser?

Puh, das ist schwer zu sagen - die wahre Innovation passiert meist still und leise hinter den Kulissen.

 

Warum Snowboarden?

Weil es glücklich macht.

 

Danke, Nicola, für die offenen Worte und dass du dir Zeit genommen hast.