Was für Verhältnisse – und dann „nur“ ein Vertical Race… so oder so ähnlich dürften es sich wohl etliche Teilnehmer des Jennerstiers am vergangenen Wochenende in Berchtesgaden gedacht haben. Bei perfekten Bedingungen mit frischem Pulverschnee gab es in diesem Jahr „leider“ ein Rennen ohne Abfahrt – vielleicht war das auch der Grund, weshalb dann doch etliche Starter, die bereits vorangemeldet waren, die guten Verhältnisse lieber bei einer Skitour nutzen wollten. So fanden sich lediglich 70 Starter zur Deutschen Auftsiegsmeisterschaft ein, die in diesem Jahr über schnelle 600 Höhenmeter von der Jennerbahn-Mittelstation hinauf zur Bergstation führen sollte. Alle Altersklassen mussten dabei auf der gleichen Strecke antreten. Schon im Vorfeld war klar, dass die Siegerzeit dabei deutlich unter einer halben Stunde liegen würde – vor allem, wenn Lokalmatador und Top-Favorit Toni Palzer (SK Ramsau) an der Startlinie steht. Der Juniorenweltmeister hatte nach einer gerade erst überstandenen Grippe bis zum Renntag noch nicht gewusst, ob er antreten würde können. Er konnte – und war so natürlich auch der Favorit auf die Tageswertung. Seine schärfsten Konkurrenten kamen dabei aus den Reihen seiner Nationalmannschafts-Kollegen: Sepp Rottmoser (DAV Rosenheim), Routinier Konrad Lex (DAV Peiting) oder auch Alexander Schuster (DAV Trostberg) und Nationalmannschafts-Neuzugang Toni Lautenbacher (DAV Bad Tölz) waren neben Palzer wohl die ernstzunehmendsten Siegkandidaten am Jenner. Die komplette österreichische Elite war am selben Tag bei der österreichischen Vertical-Meisterschaft in Spittal am Start, so dass von dieser Seite her den deutschen Läufern keine Gefahr drohte.

Palzer erneut nicht zu schlagen

Um Punkt 11 gab DAV Sektionsvorsitzender Beppo Maltan den Startschuss: Nach dem üblichen Startsprint gab es für die Läufer allerdings kaum die Möglichkeit, sich entscheidend vom Feld abzusetzen, bevor es schon in das technische Gelände mit Spitzkehren im Beckhang ging. Dementsprechend groß war das Gedränge, als es am Nadelöhr Beckhaus vom Ziehweg in die Doppelspur ging. Bereits im ersten Streckenabschnitt konnte sich Toni Palzer einen kleinen Vorsprung verschaffen – gefolgt von Rottmoser, Lex und dem starken Lautenbacher. Vor allem zwischen Lex und Rottmoser sollte es immer wieder Positionskämpfe geben, während Palzer an der Spitze seinen Vorsprung bis zur finalen Tragepassage ins Ziel immer weiter ausbauen konnte. So lief der junge Ramsauer, der noch in der Juniorenklasse gewertet wird, einmal mehr einen sicheren Heimsieg nach Hause und konnte sich über den Applaus der zahlreichen Zuschauer an der Bergstation freuen. Gigantisch auch seine Siegerzeit: Gerade einmal 25:41min für 600Hm! Hinter ihm wurde es noch einmal spannend, denn Platz zwei bis vier lagen doch eng zusammen. Erst in der Tragepassage konnte sich Rottmoser entscheidend von Lex absetzen und damit den deutschen Meistertitel bei den Senioren in 27:29min vor Lex (27:41min) nach Hause holen. Auch der folgende Lautenbacher konnte seine Position im letzten Renndrittel nicht mehr verbessern – mit Platz drei in der DM-Wertung (28:18min) rechtfertigte der Tölzer aber einmal mehr seine Nominierung für die Weltcuprennen. Rang fünf ging in 29:11min an den Überraschungsmann Philipp Schädler (www.skitouren-allgaeu.com), der aber aufgrund einer unterwegs verlorenen Brille (Pflichtausrüstung) im Ziel mit einer Zeitstrafe belegt wurde und seinen Rang an Junior Cornelius Unger (Rosenheim) abtreten musste.

Grassl löst Dauermeisterin Stockklauser ab

Bei den Damen war nach Meldeschluss klar, dass es nach 7 Jahren Dauerherrschaft von Barbara Stockklauser auf jeden Fall eine neue deutsche Meisterin geben würde. Stockklauser will sich (zumindest erst einmal…) vom Wettkampfgeschehen zurückziehen, so hörte man, und das machte sich vor allem eine zu Nutze: Die wohl erfahrenste Dame im Feld und langjährige Nationalmannschaftsläuferin Judith Grassl (DAV Berchtesgaden) musste nach eigenem Bekunden einfach doch selbst noch einmal antreten, wenn „die Jungen noch nicht so richtig wollen“… Und die Mastersklassen-Dame kann immer noch Gas geben: Grassl konnte sich bereits im Beckhang nach dem Start an die Spitze des Damenfeldes setzen. Dicht gefolgt allerdings von Manuela Hartl (Garmisch) und Christine Stöger (DAV Berchtesgaden), die sich ein heißes Rennen um Platz zwei lieferten. Kurz vor der finalen Tragepassage passierte Hartl dann das Mißgeschick: Die Bindung ging plötzlich auf, Stöger konnte vorbeiziehen und gab auch in der Tragepassage und dem folgenden kurzen Sprint zum Ziel den Vizemeistertitel nicht mehr her. Graßl hatte indes einmal mehr Meisterehren ins Haus geholt und in 37:57min min den Sieg eingefahren. Stöger sicherte sich Rang zwei in 38:42min hauchdünn vor Hartl (38:44 min). Rang vier ging in 40:17min an Barbara Abler (SC Ainring) vor Maria Hochfilzer (DAV Berchtesgaden; 41:25min).

Für Junior Toni Palzer gab es neben dem Tagessieg noch die Jugendmeisterehren vor Cornelius Unger und Lukas Grassl (DAV Berchtesgaden). Im kommenden Jahr darf sich Palzer dann endlich auch offiziell mit den „Erwachsenen“ messen, von denen er die meisten ja bereits jetzt in Grund und Boden läuft…Die weiblichen Jugendmeistertitel wurden leider nicht vergeben, da in der Startklasse kein komplettes Podium angetreten war, wie im Reglement gefordert.

Die Altersklassensiege gingen an Antonia Daubermann (Bike Junior Team, Cadets weiblich), Tache Razvan (ROU-CS Dinamo, Cadets männlich); Toni Palzer (SK Ramsau, Junior m); Manuela Hartl (Garmisch; Senior w); Sepp Rottmoser (DAV Rosenheim, Senior w); Judith Grassl (DAV Berchtesgaden, Masters w) und Sigi Scherer (AUT-Team Riap Sport, Masters m).

Neues OK-Team sorgt für perfekten Ablauf

Ein großes Lob gebührt wieder einmal der DAV Sektion Berchtesgaden, die in diesem Jahr mit einer neuen Mannschaft den Jennerstier organisiert und durchgeführt hatte. OK-Chef Martin Dufter, der auch noch gleichzeitig mit Erkältungsproblemen den Moderator gab, Bernhard Kühnhauser als hauptamtlicher Sektionsvertreter, Streckenchef Richard Lenz sowie Helferkoordinatorin Tine Grassl – sie alle hatten mit dem großen Helferteam auch bei der 8. Auflage des Jennerstiers einen hervorragenden Job gemacht. Bleibt nur zu hoffen, dass auch bei der nächsten Auflage, die dann hoffentlich wieder mit Abfahrt sein wird, die Verhältnisse so perfekt sind wie in diesem Jahr. Vielleicht lässt sich dann ja auch einmal das ungeschriebene Jennerstiergesetz „Ein Jahr mit perfekten Verhältnissen folgt auf eines mit grenzwertigen Verhältnissen“ durchbrechen. Es gibt auf jeden Fall schon gute Ideen für die nächste Auflage. Wir sehen uns zum Jennerstier 2014!
 
Quelle: alpenverein.de/Matthias Keller