Es wird später - zugegeben - ganz gut tun, wenn Rennleiter Markus Kogler in der Wärme der "Gatterl-Hütte" sagt, dass dort oben, am Gipfel des Wildseeloders, auch die Profis beim Blick in die Tiefe des Nordhangs Respekt haben. Da stehen wir nun, auf Tourenskiern am eisverkrusteten Gipfelkreuz, und der Wind peitscht Schneeflocken an die Skibrillengläser, wo sie augenblicklich gefrieren. Doch wir sehen noch immer genug, um den Abhang unter uns zu erahnen: absurd steil, von hohen Felsen durchsetzt und von jedem halbwegs klar denkenden Skifahrer als "unbefahrbar" einzustufen.

Doch klares Denken ist nicht gefragt am Wochenende 9. März, wenn zum dritten Mal die "Freeride World Tour" in Fieberbrunn gastiert. Wenn das Wetter mitspielt, dann fahren 48 Skifahrer und Snowboarder durch eben diesen Nordhang, springen über Felsen und Bäume, schießen durch Rinnen und schnellen durch den Tiefschnee ins Tal. Mit anderen Worten: Wer die "Streif" in Kitzbühel für wahnwitzig hält, der wird im Freeride-Abfahrtsrennen am Wildseeloder fortgeschrittenen Irrsinn erkennen.

Doch genau dieser Irrsinn hat den Ort Fieberbrunn seit einigen Jahren verwandelt und ihm Image und Publikum beschert, die man bislang nur in den Westalpen kannte. "Freeridebrunn" sagen manche, den "kleinen Arlberg" nennen ihn andere. Und es spricht für sich, dass sich St. Anton ebenfalls für die "World Tour" beworben, sie aber bislang nicht bekommen hat. Nun steht eben der Ort Fieberbrunn in einer Reihe mit Chamonix und Verbier, Revelstoke und Courmayeur.

Fieberbrunn, das muss man dazusagen, hatte aber auch großes Potenzial, sich zu wandeln. Der Ort, im österreichischen Pillerseetal zwischen Kitzbühel und Saalbach-Hinterglemm gelegen, hat sich lange als "bestverstecktes Skigebiet der Alpen" verkauft - auch weil es sonst keinen zu vermarktenden Superlativ gab: Die Berge hier sind nicht besonders hoch, die Lifte kratzen gerade so an der 2000-Meter-Grenze, es gibt noch keinen Pistenkilometer-Wahnsinn und die touristische Struktur scheint irgendwann in den 1980er Jahren stehen geblieben zu sein.

Da traf es sich ganz gut, dass vor zehn Jahren sechs einheimische Burschen beschlossen, einen Verein zu gründen, der sich fürs Skifahren abseits der Pisten einsetzte: mit Filmen und Feiern, wie es sich für die junge Freeride-Szene gehört, aber auch mit Sicherheitskursen und Ausrüstungskunde. Heute ist einer dieser Burschen Rennleiter des Freeride-Wettbewerbs und Skilehrerausbilder, einer Marketingchef bei den Bergbahnen und bei der Lawinenkommission aktiv und einer Freeride-Profi und Filmproduzent. Und wenn man Markus Kogler, Sebastian Schwaiger und Matthias Haunholder trifft, dann merkt man ihnen diese Mischung aus Lebens- und Verantwortungsgefühl noch immer an.

Der eine sagt: "Wir wollten uns von den Tiefschneefahrern unterscheiden und sind über die Felsen gesprungen - das war dann Freeriden." Der andere erzählt: "Die ganze Stimmung von damals ist auf den Ort übergegangen." Und der dritte sagt: "Es ist interessant, wie es sich herumgesprochen hat, dass man bei uns gut im Gelände fahren kann. Mittlerweile kommen sogar Skandinavier zu uns."

Wir stehen auf dem Lärchfilzkogel neben der extra für die Freeride World Tour aufgebauten Schneetribüne, die einen großartigen Einblick in die Nordwand des Wildseeloders gewährt. 2500 Menschen können von hier aus das Rennen beobachten. Das Wetter ist besser geworden, und nun sehen wir hinauf auf den imposanten Gipfel, von dem aus wir noch gestern in die Tiefe geblickt hatten, sehen den Grat, der links vom "Contesthang" zur "Wildseeloderhütte" führt und über den wir im Schneegestöber vorsichtig abgefahren waren. Vermutlich eine gute Entscheidung. Und wir sehen die Teehütte, an der vorbei wir wieder zurück ins offizielle Skigebiet gekommen waren.

Die Faszination der Veranstaltung überträgt sich auch auf das Skigebiet. Wie am Arlberg fahren hier viele mit sehr breiten und merkwürdig aufgebogenen Skiern, mit Lawinenairbags und Helmkamera durch die Gegend: von der Hochhörndlspitze in den Hörndlinger Graben oder an der Henne vorbei zum "Wildseeloderhaus". "Easy up - wild down", lautet der Slogan der Bergbahn. Und gelegentlich fahren sie statt mit dem Lift auch mit dem Taxi, um wieder ins Skigebiet zu gelangen. Aber interessant: Auch jene, die brav auf der Piste bleiben, scheinen diesen Hauch des Extremen zu genießen - ein bisschen so wie plantschende Badegäste an einem gefährlichen Surferstrand.
In dem ganzen Freeride-Hype hat man sich in Fieberbrunn nun auch seiner Geschichte erinnert und erkannt, dass ein paar einheimische Hasardeure den Wildseeloder schon in den 1950er Jahren mit Skiern abgefahren sind. Natürlich abseits der Pisten, denn Pisten gab es damals noch nicht.

Einer dieser frühen Extrem-Skifahrer, so erzählt man sich, sei der Walter Perwein gewesen, der erste "Freerider im Pillerseetal". Wir treffen Perwein, einen sympathischen Mann, der jünger wirkt als 75 Jahre und natürlich noch regelmäßig auf den Skiern steht, in der Bar an der Talstation. Über dem Eingang fliegen auf einer großen Videoleinwand junge Männer Abhänge hinab, und Perwein sagt: "So was haben wir auch gemacht - nur hieß es damals noch nicht Freeriden."

Und dann beginnt er zu erzählen, wie er 1952 drei Männer beobachtet hat, als sie vom Wildseeloder abfuhren. Er war also nicht der erste Freerider? "Nein, nein", sagt er, "ich habe sie nur gesehen. Ich war damals ja gerade zwölf Jahre alt." Aber das hat gereicht, um Perweins Werdegang zu bestimmen. Von Fieberbrunn aus ging er später nach Zürs, dann nach Jackson Hole in Wyoming. Wenn man Perwein, den Mann, der die ersten Freerider im Pillerseetal gesehen hat, fragt, wie das so war in Amerika, dann kramt er aus einer ledernen Aktentasche Ausrisse aus einem Skimagazin mit Fotografien. Die zeigen ihn im Jahr 1970, wie er zwischen Baumwipfeln durch den blauen Himmel fliegt. Alle sind sprachlos, und nach einer Weile sagt Perwein: "Damals hat Big Mountain begonnen." Als er dann in die Heimat zurückgekehrt ist, habe er das Potenzial der deutlich niedrigeren Berge erkannt - und dass "Big Mountain"-Skifahren auch hier möglich ist.

Es scheint so, als bestimme die Vergangenheit nun auch die Zukunft Fieberbrunns. Die Freeride World Tour wird auch nächstes Jahr hier gastieren, ein Verbund mit dem Skigebiet Saalbach-Leogang ist geplant, und die Hotelgruppe Hilton will das "Alps Resort Fieberbrunn", ein 350-Betten-Hotel, auf einem Hügel oberhalb des Dorfes bauen. "Verstecken" kann man das alles dann nicht mehr.

Weitere Informationen:

Anreise: Mit dem Auto über die A8 ins Inntal bis zur Abfahrt Kufstein-Süd (vignettenfrei) und dann weiter über St. Johann in Tirol ins Pillerseetal nach Fieberbrunn.

Skifahren: Das Skigebiet Fieberbrunn verfügt über 43 Pistenkilometer und viele Varianten; der Tagesskipass kostet 39 Euro. Wer neben den Pisten fahren will, aber weder Erfahrung noch Ausrüstung dafür hat, sollte sich an die Freeride Base in Fieberbrunn wenden: www.freeridebase.at.

Die Freeride World Tour ist vom 9. bis 15. März in Fieberbrunn zu Gast: www.freerideworldtour.com.