Selbstversuch in den Trois Vallées: Wie viel Ski-Kilometer schafft man an einem Tag?

1. März 2013 | Andreas Lesti

Skigebiete in diesem Artikel: Courchevel, Méribel Mottaret, Val Thorens

Skifahren in den Trois Vallées

Copyright: Andreas Lesti

Km 0,0, 9.08 Uhr, Talstation Saint Martin: Das größte Skigebiet der Welt wirkt klein und unscheinbar und verlassen. Noch sind die Wintersportler in ihren Hotels und Appartements, noch versteckt sich die Sonne hinter den Bergen, und Saint Martin liegt in einer schattigen Kälte, die an den Fingern schmerzt, wenn man kurz die Handschuhe auszieht. Aber das wird sich bald ändern. Denn der Ort Saint Martin de Belleville ist Teil des Skigebietes Trois Vallées in Frankreich, das sich über drei große Alpentäler erstreckt; verbunden über ein verwirrendes Netz aus Seil- und Sesselbahnen und Schleppern, verwoben durch 600 Kilometer Piste - mehr gibt es nirgendwo anders.

Für 600 Kilometer, das ist etwa die Strecke von München nach Berlin, braucht man mit dem Auto, wenn man ständig hundert fährt, schon sechs Stunden. Die Frage ist also: Wie viel Kilometer Piste kann man an einem Tag überhaupt abfahren? Dank GPS-Messgeräten in Smartphones, die jede Bewegung aufzeichnen, ist das heute mehr oder weniger leicht nachzuprüfen. Und so steigen wir in Saint Martin in die Seilbahn, und noch während sich die Türen schließen, aktivieren wir das GPS-Gerät. "Three! Two! One!" hallt eine krachende Digitalstimme durch die Kabine, und mit "Start" beginnen die Streckenmessung und ein sehr langer Tag im Skigebiet.

9.26 Uhr, km 5,3, Bergstation Tougnete: Auf 2434 Metern strahlt die Bergstation Tougnete bereits in der Morgensonne. Das GPS-Gerät funktioniert offenbar, denn es zeigt 5,3 Kilometer und die korrekte Höhe an. Aber uns wird klar, dass das GPS nicht nur die Pistenkilometer, sondern auch die Gondelkilometer misst. Wir würden also am Ende des Tages rund ein Viertel der Kilometer abziehen müssen, weil Seilbahnen gerade den Berg hinauf-, während die Abfahrten in vielen Windungen hinunterführen.

Auf unserer ersten "descente" ist der Schnee frisch planiert, die kalte Luft friert die Wangen ein, und der Blick ins Allues-Tal, hinein in die Weite des Skigebiets, lässt eine Ahnung zu, die uns Angst macht. Wir fahren erst an imposanten Felszinnen vorbei, dann an den Ausläufern von Méribel-Mottaret: wuchtige Hotel- und Appartementanlagen, die ihre Hässlichkeit auch nicht hinter den dunklen Holzbeschlägen verbergen können - wie so viele andere typisch französische Retortenorte, die sogenannten "stations intégrées", wo die Pisten fast bis ins Schlafzimmer führen.


9.39 Uhr, km 10,9, Talstation Mottaret: Langsam wird es voll im Skigebiet, und es scheint, als drängten nun aus jeder Himmelsrichtung Menschen auf die Pisten. Vor der Talstation hat sich eine etwa zwanzig Meter lange Menschenschlange gebildet. Geht das nicht schneller? Sollen wir rechts vorbeidrängeln? Aktiv anstehen? Ich bin eigentlich ein entspannter Skifahrer und kann mit Wartesituationen umgehen. Aber nun tickt eine Uhr in mir!

Die Mottaret-Seilbahn endet auf 2659 Metern, und würden wir hier die phantastische Aussicht genießen, dann hätten wir die Bergwelt auf uns wirken lassen können, hätten die Viertausender zuordnen, die Gletscher benennen und die Grazie des Mont Blanc bewundern können. Tun wir aber nicht. Wir stürzen aus der Gondel, springen in die Bindungen und rauschen in eine Senke, halten uns halbblind halbrechts, fahren weiter geschwind bergab, ignorieren das Warnschild und erkennen den Fehler viel zu spät: Wir sind auf der rechten und damit auf der falschen Seite des Bergs ins Freeride-Gelände gefahren, stehen nun im tiefen Schnee und müssen in der Talsenke auf einem langen Wanderweg mit Gegenanstiegen durch den Wald schieben. Skitourengeher kommen uns entgegen und sagen "Bonjour". Als wir nach einer Unendlichkeit wieder das Kratzen der Kanten und das Surren der Lifte hören, spricht keiner ein Wort: Wir wissen zu gut, wie viel wertvolle Zeit wir verloren haben.


11.00 Uhr, 31,4 km, Courchevel 1650: Und so kommen wir erst um elf im dritten Tal an, in dem sich vier Ortschaften mit dem Namen Courchevel befinden. Um sie voneinander unterscheiden zu können, hat man einfach die Höhenlage zum Namen hinzugefügt: 1300, 1550, 1650 und 1850. Wir kommen nach Courchevel 1650, ohne es geplant zu haben. Entgleitet uns die Kontrolle schon jetzt? Als wir in der Gondel tief durchatmen, schaukelt diese so dicht an den Hochhäusern vorbei, dass wir durch die Küchenfenster auf die Tische blicken können, in die halbleeren Kaffeetassen der nicht abgeräumten Frühstücke. Auf den Balkonen sitzen Menschen, die nicht am Skifahren interessiert zu sein scheinen. Sie tragen ebenso teure wie geschmacklose Designer-Skianzüge und telefonieren. Was für eine unfassbare Zeitvergeudung!

Oben angekommen blicken wir auf das riesige Plateau, das sich über den vier Courchevels erstreckt. Hänge, Lifte, dazwischen Parkdecks und Hotelburgen, wieder Lifte, Pisten, Wege und Straßen. Der Gedanke, dass wir hier nur ein Drittel des Skigebiets sehen, treibt uns in den Wahnsinn. Insgesamt gibt es im Skigebiet Trois Vallées 174 Aufstiegsanlagen, wie das heute heißt, 318 markierte Abfahrten, 76 Talabfahrten und 200 Schneekanonen speisen sich aus sechs extra angelegten Seen, um den notwendigen Kunstschnee zu produzieren, den dann über 80 Pistenraupen plattwalzen. Es gibt vier große Snowparks, vier Skischulen und 51 Restaurants an den Pisten. 15 Ortschaften sind an das Skigebiet angeschlossen, und als wäre ein Flughafen mitten im Skigebiet nicht schon wahnwitzig genug, gibt es hier zwei davon.

In der Seilbahn von der Größe eines Autobusses fahren wir noch weiter hinauf, zum Dent de Burgin auf 2739 Metern. Neben uns sitzen zwei Italienerinnen, die per Telefon ausmachen, dass sie sich gleich im "Chalet de Pierres" treffen, um dort Champagner zu trinken. Zwei Studenten aus Stuttgart sind auch in der Seilbahn und verdrehen die Augen. Die Größe des Skigebietes sorgt für sehr unterschiedliche Gäste. Jeder Ort hat seine eigene Identität und sein eigenes Publikum: In Les Menuires trifft man fast nur Franzosen, in Val Thorens vorwiegend Engländer, Belgier und Holländer. In Courchevel viele Italiener und in Méribel Gäste, die mit Bussen kommen und dafür wenige hundert Euro bezahlen.

Die Abfahrt vom Dent de Burgin führt, nicht zu steil und nicht zu flach, durch Senken und gut einsehbare Kurven bis hinunter nach Méribel Village. 1340 Meter nur bergab! Eigentlich hätten wir den ganzen Tag diese eine phantastische Piste fahren sollen. Aber das geht nicht, denn wir wollen ja so viele verschiedene Pistenkilometer wie möglich abfahren. Und deswegen müssen wir über den Col de la Loze wieder Richtung Courchevel, um uns dem Plateau ein zweites Mal von der anderen Seite zu nähern und dann weiter Richtung Süden zu fahren. Hätten wir auch nur eine Sekunde über all das nachgedacht, hätten wir kurz innegehalten - vielleicht wären wir uns der Absurdität bewusst geworden. Aber wir starren nur auf das GPS-Gerät: "Max. Geschwindigkeit 83,2 km/h. Durchschnitt 23,1." So schnell und doch so langsam? Kann das stimmen?

12.40 Uhr, 54,3 km, Méribel Village 1400: Die Zeit im Lift ist eine einzige Superzeitlupe. Denn es ist so: Je weiter man sich vom Zentrum des Skigebiets entfernt, desto schäbiger und langsamer werden die Lifte. Bislang sahen die Gondeln aus wie Autobusse, Helikopter, Rennautos oder Aufzüge aus den Achtzigern. Dieser hier gleicht einem Haufen Schrott. Wir steigen erleichtert aus, fahren ein Stück und reihen uns zum Loze-Lift ein, der tatsächlich noch langsamer fährt. Und dann fällt diese ungeschickte Frau vor uns auch noch beim Einsteigen aus dem Sitz! "Des kost' Zeit! Des kost' so viel Zeiiiit!", lamentiert eine Stimme in meinem Kopf. Es ist die gedehnte und doch peitschende Stimme des österreichischen Sportkommentators Heinz Prüller.

Aber er hat ja recht, denn es geht mittlerweile um Sekunden, und natürlich verpassen wir genau und nur deswegen später die große Gondel auf den Saulire. Während wir warten, beobachten wir die Franzosen beim Mittagessen. Sie gehen spät essen, und wenn sie gehen, dann beenden die meisten den Skitag und lassen sich Zeit. Dann sitzen sie entspannt in der Sonne, essen sehr viel, und es ist ganz normal, dass auf jedem Tisch mindestens eine Flasche Wein steht. Wir können dieses Verhalten nicht nachvollziehen. Endlich kommt die Gondel.

13.53 Uhr, 72,2 km, Méribel Mottaret: Immer dann, wenn wir glauben, wir hätten einige Verbindungen durchschaut, oder wir hätten so etwas wie ein Gefühl für das Skigebiet entwickelt, eröffnet sich ein neues Tal, mit neuen Pisten und neuen Liften, die wieder in ein anderes Tal führen. "Wir machen die drei Vallées", sagen die Franzosen, wenn sie sich hinüber in die jeweils anderen beiden Täler wagen. Wir sind nun über 70 Kilometer unterwegs. Aber wir sind nicht auf dem Mont du Vallon, nicht auf dem Gletscher, nicht in der Retortenstadt Val Thorens und nicht auf den Hängen oberhalb von Les Menuires gewesen und nicht mit der Gondel auf den höchsten Punkt gefahren. Wir haben eigentlich noch gar nichts gesehen! Oder, um es mathematisch und mit einem Blick auf das GPS auszudrücken: Wir sind nicht mal ein Zehntel des Skigebiets abgefahren.

14.10 Uhr, 75,2 km, Talstation Mont Vallon: Der Mont du Vallon, ein fast 3000 Meter hohes, riesiges Massiv, ist mit nur einer Gondel erschlossen. Zwei Abfahrten führen an seinen Flanken herab, und dazwischen kann man sich in dem weitläufigen Terrain austoben. Man könnte hier drei oder vier Tage verbringen, ohne sich zu langweilen. Wir fahren einmal hoch und hetzen dann mit glühenden Köpfen und brennenden Oberschenkeln, vom Irrsinn getrieben und der Sinne beraubt, wieder hinunter.

15.07 Uhr, 91,3 km, Col de la Chambre: Spätestens ab drei Uhr, so haben uns alle erzählt, die diesem Skigebiet zum Opfer gefallen sind, müssten wir uns wieder Richtung Hotel orientieren. Es gibt viele Geschichten von Skifahrern, die die Zeit nicht im Blick hatten und dann zum Beispiel von Courchevel mit dem Skibus oder dem Taxi zurück nach Les Menuires fuhren und um zehn Uhr nachts dort ankamen. Also hinauf zum Col de la Chambre, um zunächst wieder ins richtige Tal zu kommen. Links sehen wir Val Thorens und den Gletscher, den zu erkunden der heutige Tag nicht lang genug ist. Wir müssen nun konsequent rechts abbiegen und immer den Schildern "Les Menuires" folgen.

15.25 Uhr, 98,9 km, Les Menuires: Als wäre das Skigebiet Trois Vallées nicht schon verwirrend genug, haben die Franzosen das Labyrinth namens Les Menuires gebaut - vermutlich, damit ihre Gäste sich darin verlaufen und gezwungen sind, ihren Urlaub zu verlängern. In diesem verwinkelten und sich selbst überlagernden Schachtelbau geht man schon verloren, wenn man sich nur einen Kaffee holen will. Wir folgen einem Schild, stehen plötzlich in einem Aufzug, fahren in den achten Stock von was auch immer, gehen dann Stufen wieder hinab und werden durch gläserne Gänge und dreieckige Fußgängerüberführungen gelotst, vorbei an Kinos und Schwimmbädern, Kinderkarussells und Metzgereien, Spezialitätenläden und Immobilienbüros - und kommen an einem Café direkt am Pistenauslauf an. Immerhin: Das GPS-Gerät lief die ganze Zeit mit, vermaß die Aufzughöhenmeter und die Gangpassagen. 600 Meter, 70 Höhenmeter - aber die zählen natürlich nicht.

15.59 Uhr, 105,9 km, Les Menuires: Gerade noch schaffen wir es, mit dem Lift ein letztes Mal nach oben zu fahren. Ein letztes Mal knapp 1000 Höhenmeter. Ein letztes Mal sieben Kilometer Abfahrt. Als wir oben ankommen, geht erst die Sonne unter, und dann stehen die Lifte still. Aus, das Spiel ist aus. Dann passiert etwas Wunderbares: Das erste Mal an diesem Tag fahren wir entspannt dahin, ohne Druck und Kilometerwahn. Ein Genuss. Am Ende stehen 113,1 Kilometer, von denen wir 80, vielleicht 85 auf Skiern zurückgelegt haben, und 13105 Höhenmeter auf dem Display. Um das ganze Skigebiet abzufahren, das ist uns nun klar, müssten wir noch mal sieben solcher Tage wie heute durchmachen. Es dämmert, und wir stehen ratlos an der Talstation von Saint Martin.

Weitere Informationen:
Anreise: Mit dem Flugzeug nach Genf, z. B. mit Easyjet ab Berlin (Hin- und Rückflug pro Strecke ab 65 Euro), oder ab verschiedenen deutschen Flughäfen mit Lufthansa (ab 150 Euro, www.lufthansa.de). Dann per Bus ins Skigebiet (etwa zwei Stunden Fahrzeit, ca. 45 Euro pro Strecke, z. B. bei www.geneva-shuttle.com)

Skifahren: Der Tagesskipass kostet 53 Euro (sieben Tage 300 Euro) für das Gesamtskigebiet, für Les Menuires 34, 60/236 Euro. Mehr Informationen unter www.les3vallees.com oder www.lesmenuires.com.

GPS-Streckenmessungen: Sind mit einer kostenlosen App im Smartphone möglich - z. B. mit der Les-3-Vallées-App.

Unterkunft: Wer nicht in den für Frankreich typischen Ferienbunkern wohnen will, der sollte sich z. B. in den Chalets-Cocoon in Saint Martin einmieten (für sechs bis acht Personen pro Woche in der Hauptsaison ab 3200 Euro, www.chaletscocoon.com).

Essen: Wer im Cocoon wohnt, der sollte im Restaurant "La Bouitte" in Saint Martin ein Drei-Gänge-Menü (79 Euro) oder das Acht-Gänge-Menü (189 Euro) probieren (www.la-bouitte.com).

Bildergalerie

Alle anzeigen

Werbung

Werbung

Willst du mehr über Skiinfo erfahren?

Willst du mehr über Skiinfo erfahren? Hier gibt es Schneeberichte, Wettervorhersagen und Bedingungen für deine Lieblingsskigebiete, Berge und Urlaubsorte. Los geht’s

Werbung