Heute ist in Yabuli alles state-of-the-art. Es gibt sogar einen der ganz wenigen Club Meds im Schnee. Bei meinem ersten Besuch im Dezember 2001 sah die Sache noch etwas anders aus. Bei der Ankunft vor dem hell erleuchteten (und inzwischen abgerissenem) Windmill Hotel sehe ich eine Schneekanone, die Millionen kleinster Wassertropfen in die mondhelle Schwärze des mandschurischen Himmels schießt, die zu Eisgranulat gefroren in weißen Schleiern zu Boden sinken und dort einen sanft geschwungenen Hügel aus glitzerndem Schnee aufhäufen. Wozu der hier benötigt wird, bleibt zunächst verborgen, befinden sich die Pisten doch auf der anderen Seite des Hotels. Dann tauchen aus der Dunkelheit einige klapprige, dreirädrige Pick-Up Laster auf, beziehen vor dem Hügel Position, spucken ein gutes Dutzend schaufelbewehrter Männer aus, die sogleich beginnen, die Ladeflächen mit dem klumpigen Auswurf des Schnee-Erzeugers zu beladen. Dann rattern die Vehikel davon, um sich ihrer Fracht jenseits des Hotels zu entledigen.

Personalkosten sind in China eben kein Standortnachteil. Dennoch mutete diese Variante der Pistenpräparierung reichlich ineffizient an. Liu Zuo Sheng, der Betriebsleiter, war sich der Unvollkommenheit der Anlage bewusst. Mit einem Achselzucken verwies er auf die Schwierigkeiten, die er mit der Importgenehmigung für die Schneekanone hatte. Einen weiteren bürokratischen Marathon wollte er sich für eine stärkere Pumpe, die das Wasser bis auf den Hang hätte befördern können, nicht antun. Außerdem hätte das eine Handvoll Arbeitsplätze gekostet, die auf dem Land wichtiger als technische Perfektion sind. Von daher: cha bu duo, was soviel bedeutet wie „passt schon“ (wörtlich: „es fehlt nicht viel“), und die für Chinesen typische Neigung kennzeichnet, Fünfe gerade sein zu lassen.

Ein Wesenszug, der die Chinesen liebenswert macht, perfektionsgetrimmte Kaukasier aber zur Weißglut treiben kann. Was die Beheizung des Hotels anging, fehlte dazu nicht viel, oder zu viel, je nach Sichtweise. Um genau zu sein fehlten drei Grad zu der Temperatur, die auf der Tafel mit der Wettervorhersage für die Lobby angekündigt wurde (ganz recht, es gab eine Wettervorhersage für innerhalb des Hotels, Niederschläge waren nicht angekündigt, wobei sich nicht klären ließ, ob dies der stabilen Hochdrucklage, oder einem dichten Dach zu danken war). Kurzum: Mit gerade mal zwölf Grad ist die Lobby ein ziemlich unwirtlicher Ort. Viel wohliger ist es auch in der Azalea Dining Hall nicht, trotz des dichten Personalbesatzes, der denjenigen mit Gästen bei weitem übersteigt.

Dafür ließen sich die behaglich im westlichen Stil eingerichteten Zimmer erstklassig beheizen. Davon abgesehen, dass das Getöse des formschönen Heizlüfters (Modell loderndes Kaminfeuer) die Verwendung von Oropax zwingend erforderlich machte. Immerhin verzichtete das Windmill auf die typisch mandschurischen Ofenbetten, die schon so manchem Bauern eine unerwartet heiße Nacht beschert haben sollen. Nur noch ein kurzer Dreh an der Glühbirne (defekter Schalter, aber cha bu duo) und der Nachtruhe steht nichts mehr im Wege.

Das Sonnenlicht des nächsten Morgens offenbarte eine weitaus dünnere Schneeauflage als der Mondschein suggeriert hatte. Die Grassoden durchstießen die Reste längst vergangener Schneefälle, die Sesselbahn auf den Gipfel des Guo Kui harrte stehend der Skifahrer, die da kommen mögen. Liftkarten verkaufte man dennoch. Während man in China damals normalerweise für gute Kopien wenig Geld bezahlte (Windows XP für drei Euro), zahlte man in Yabuli viel Geld (gut 25 Euro für die Vier-Stunden-Karte) für eine reichlich unvollkommen anmutende Kopie alpiner Skigebiete. Immerhin: Als ich meine Liftkarte präsentierte, wurde die (längste durch eine Gondelbahn ersetzte) Sesselbahn angestellt. Ausgerechnet im bevölkerungsreichsten Land der Erde hatte ich erstmals ein Skigebiet ganz für mich alleine.

Bei der Bergfahrt konnten allerdings weder der sich allmählich öffnende Blick auf die weiten Ebenen Nordostchinas, aus denen sich vereinzelte, dicht bewaldete Bergzüge erheben, noch das aus den Lautsprechern dröhnende Potpourri der größten chinesischen Evergreens darüber hinwegtäuschen, dass eine halbstündige Sesselbahnfahrt bei minus 16 Grad ohne Decke oder Haube sehr lang und sehr kalt ist. Herr Liu hätte den Lift zwar schneller laufen lassen können, „aber dann hätten die Skifahrer nicht so viel Zeit, die schöne Natur zu betrachten und außerdem brauchen sie ja eine richtige Pause zwischen den Abfahrten. Sonst erschöpfen sie sich noch zu sehr und werden krank.“ Ich erwartete also, statt an Herzschlag an Lungenentzündung zu sterben.

Wegen des Schneemangels waren nur zwei Pistenkilometer befahrbar. Den kurzen Übungshang an der Bergstation bediente ein Schlepplift. Als die Männer am Lift erkannten, dass ich die Abfahrt zur Mittelstation der Sesselbahn vorzog, fragten sie höflich um Erlaubnis, eine Pause machen zu dürfen. Gewährt. So viel Großmut brachte mir prompt die fürsorglichste Behandlung des diensthabenden Pistenwächters ein. Er folgte mir bei jeder Abfahrt – in gemessenem Abstand und nahm stets im Sessel hinter mir Platz. Sobald wir den Ausstieg erreichten, wurde Strom gespart und der Lift abgestellt. Als mich der Übermut nach links in einen Steilhang zog, schlug die Stunde meines jungen Begleiters: Mit ein paar schnellen Schwüngen zischte er an mir vorbei und hob die Hand. Die Piste war gesperrt. Der Grund zwar nicht ersichtlich, aber die chinesischen Pistenregeln waren mir nicht geläufig und was bei ihrer Übertretung blühte, wusste ich noch weniger. Da seinerzeit gerade mal wieder hart durchgegriffen wurde in China, genoss ich den wunderbar trockenen Schnee lieber auf einer anderen Piste. Wirklich schade, dass es ihm an Quantität mangelte. Aber das ist im knochentrockenen Winterklima der Mandschurei auch heute noch regelmäßig der Fall. Deswegen stehen die Schneekanonen heute auch an den Pisten, statt vor dem Hotel. Chinesen lernen eben schnell.

Skigebiet: -547-1074 m, 3 Lifte, 17 km Pisten

Unterkunft: Club Med Yabuli, www.clubmed.com

Restaurant-Tipp: Das Mudan im Club Med serviert traditionelle Gerichte aus der Region Heilongjiang.

Guides: Kein Off-Piste Terrain, daher nicht erforderlich

Verleih: Mehrere Verleihbetriebe entlang der Zufahrt, auch im Club Med.

Info: www.yabuliski.com