Schnee ist wunderbar, vor allem für Skifahrer. Doch Schnee kann auch gefährlich sein. Man denke nur an die vielen Lawinenopfer, die jedes Jahr in den Alpen zu beklagen sind. Um die Gefahr möglichst gering zu halten, beschäftigt La Plagne als einzige französische Skistation einen professionellen Schneeforscher. Ein Tag mit dem Nivologen Claude Schneider.

Nur Augen für den Schnee

"Ich schaue nicht auf die Frauen. Ich habe nur Augen für Lawinen." Claude Schneider lacht verschmitzt, während er seinen großen Rucksack schultert. Dabei war es eine Frau, die das Interesse des gebürtigen Elsässers auf die Lawinen lenkte. Als junger Chemiker verliebte er sich in ein Mädchen aus Albertville. Sie wollte nicht ins Flachland. Ihn begeisterten die Berge. Man einigte sich schließlich auf La Plagne, wo sie als Skilehrerein arbeitete und er den Schnee nicht nur als Unterlage für seinen Sport nutzte.

Vor 26 Jahren begann Claude Schneider die weißen Flocken mit der Akribie eines Wissenschaftlers genau unter die Lupe zu nehmen. Er wurde Nivologe. Heute ist der 53-Jährige Chef des Sicherheitsdienstes von La Plagne und einer der führenden Köpfe im Centre d'études de la neige, dem Institut für Schneeforschung in Grenoble. Von November bis Mai ist sein Arbeitsplatz der Berg, und sein Auge gehört (fast) nur dem Schnee, den er betrachtet, vermisst und bewertet um daraus Lawinenbulletins für die französischen Alpen zu erstellen.

Es ist sieben Uhr morgens. Noch ist das Licht diffus über den Gipfeln des Tarentaise. Die Pistenraupen, die nachts alles glatt gebügelt haben, sind abgezogen. Die Skifahrer liegen noch in den Betten. Für Claude Schneider beginnt jetzt der Arbeitstag. Am Computer studiert er Satellitenbilder, füttert Tabellen mit ersten Beobachtungen zur Wetterlage. Sobald der erste Lift anläuft, beginnt seine Tour durch eines der größten französischen Skigebiete, das sich auf einer Höhe von 1250 bis 3250 Metern befindet und Pisten in allen vier Himmelsrichtungen umfasst.

Schön für die Skifahrer, die sich je nach Temperatur und Tageszeit den optimalen Hang aussuchen können. Schwierig, was die Lawinenprognosen betrifft, weil auf so großem und unterschiedlich exponiertem Gelände ganz unterschiedliche Voraussetzungen herrschen. Entsprechend weit verteilt sind die Plätze, an denen Schneeforscher Schneider seine Routinemessungen vornimmt. Fünf sind Standard, weitere kommen nach Bedarf und Erfahrung dazu.

Harte Arbeit für die Sicherheit

Das Erste, was Claude Schneider aus dem gelben Rucksack holt, ist eine Sonde. Die Schneehöhe wird gemessen. Danach die Härte, die der Computer später aus den Daten errechnen wird, bei der ein Gewicht von einem Kilo an der Sonde in den Schnee rauscht. "Jetzt wird richtig gearbeitet", lacht der braungebrannte Wissenschaftler mit dem breiten Schnurrbart und gräbt mit der Lawinenschaufel ein Loch bis zur Erde. An der Schnittkante kann der Fachmann lesen wie in einem Buch. Lockerer Pulverschnee, gepresster Altschnee, wässrige Schichten oder zugefrorene Krusten geben ihm Aufschluss über Konsistenz und Stabilität der Schneedecke und damit über das Lawinenrisiko.

Viel kann der Blick des Fachmanns erkennen. Mehr kann er durch Temperaturbestimmung in allen Schichten sowie eine genaue Vermessung der Schneekristalle erfahren. Auf einer kleinen schwarzen Platte mit Gitternetz werden unter der Lupe winzige Kristalle vermessen. Wie sehen sie aus? Gleichen sie noch kleinen Sternchen oder sind die sechs Arme schon abgeschliffen zu mehr oder weniger glatten Körnern? Sind sie rund, eckig oder wie ein Becherkristall? Spitzfindigkeiten für den Laien. Doch die Form der Kristalle entscheidet maßgeblich darüber, wie stabil sie aufeinander haften. Für das Messprotokoll, das später akribisch in den Computer übertragen wird, gibt es zehn Zeichen vom Plus für frisch gefallene Flocken bis zum umgekehrten Dreieck für den Becherkristall.

Für den letzten Test vor Ort wird in einem Röhrchen der Schnee gewogen und seine Dichte bestimmt. "50 bis 100 Kilo wiegt ein Kubikmeter Pulverschnee", erzählt Claude Schneider, während er seine Utensilien wieder in den Rucksack packt. Beim legendär luftigen Champagne-Powder sind es nur 40 Kilo, während Naßschnee zwischen 350 und 600 Kilo auf die Waage bringt, Eis sogar 910 Kilo.

Gefährlicher Trugschluss

Im Lift auf dem Weg zum nächsten Messpunkt erklärt Schneider die Bedeutung der Temperatur. Dass Kälte ein Indiz für eine stabile Schneedecke ist, sei ein häufig verbreiteter Trugschluss. Im Gegenteil: Kälteeinbrüche sind sogar gefährlich, weil sich zwischen der vom Boden auf etwa Null Grad gewärmten Schicht und einer eiskalten Oberfläche leicht die berüchtigten Becherkristalle bilden, die den Schnee in einen gefährlichen Rollteppich verwandeln.

Während er erzählt, schweift Schneiders Blick umher. Sind Schneebretter abgegangen? Hat irgendwo Wind eine Wechte angehäuft? Im Windschatten von Graten angesammelter Neuschnee, sogenannter Triebschnee, ist besonders gefährlich für Schneebretter, die zu etwa 80 Prozent Auslöser von Lawinen sind. Den Rest teilen sich Pulver und Nassschnee-Lawinen. Etwa 30 Menschen werden sie jährlich zum Verhängnis in den französischen Bergen. In der Regel verunglücken sie abseits der Pisten.

Dass im Skigebiet nichts passiert, dafür gibt es in La Plagne unter anderem 280 Stellen, an denen der Sicherheitsdienst bei Bedarf Sprengungen vornimmt und damit kontrolliert Lawinen auslöst, ehe diese selbst abgehen. Etwa drei Tonnen Dynamit verbrauche er dafür jährlich, so Schneider, der bei seinen Kontrollfahrten immer per Funk mit seinen Mitarbeitern verbunden ist. Dann, wenn im sicheren Abstand zu allen Passanten ein Schneebrett kontrolliert abgegangen ist und die Pistenraupen noch nicht zum Planieren angerückt sind, betrachtet Schneider mit wissenschaftlichem Interesse seine Spur. Augen für Frauen hat er dabei bestimmt keine.

Weitere Informationen:
Office de Tourisme La Plagne, F-73211 Aime, Tel. 0033/4790/99938, www.la-plagne.com