Kaiserwetter. Schwer ächzt der Nadelwald unter der Last des Neuschnees. Klirrende Kälte im tief eingekerbten Fischleinboden.  Die bald vier Meter hohen Holzpfosten der großen Anzeigetafel bei der geschlossenen Talschlusshütte spitzen gerade noch aus dem Schnee. Durch das Altensteintal spuren wir hoch zum Sextner Stein. Frischer Powder, stahlblauer Himmel – dennoch sind wir ganz allein unterwegs. Eigentlich unfassbar, im Sommer stapeln sich hier schon frühmorgens die Busse und die Wanderer strömen in Prozessionen hoch zur Drei Zinnen-Hütte. Im Winter gehört dieses weiße Wunderland häufig einer Handvoll Skitouristen, die in weiten Kehren zur wohl meist fotografierten Felstrilogie der Alpen hochspuren.  Oben am 2539 Meter hohen Gipfel sind wir fast auf Augenhöhe mit diesem versteinerten Meisterwerk der Schöpfung, können der Drei Zinnen-Hütte fast schon aufs Dach spucken und in die grausig steile, ja in weiten Teilen überhängende Nordwand der Großen Zinne blicken. Rund um uns herum baut sich das komplette "Who is who" prominenter Hochpustertaler Dolomitengipfel auf. Der Zwölferkogel, der Einser, die Schusterplatte… Alles wunderbare Berge, aber eines steht fest: Die Wunderkinder, die Alphatierchen, der geologische Geniestreich, das sind die Drei Zinnen. Wir fellen ab. Ein Schluck heißer Tee aus der Thermoskanne, ein Müsliriegel und der absolute Logenplatz auf dem Sextner Stein. Das ist bestes Bergkino, zumal uns der Kinosaal heute ganz alleine gehört. Johlend ziehen wir die ersten Spuren in den hübsch steilen, unberührten Gipfelhang.

Hochpustertal: Terrain der unbegrenzten Möglichkeiten

Das Hochpustertal mit seinen markanten Gipfeln bietet Alpinisten, egal, ob sie nun wandern oder Überhänge klettern, skilanglaufen oder auf Skitour gehen ein Terrain der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Kalkalpen haben die Menschen schon seit jeher in ihren Bann gezogen.  Albrecht Dürer (1471 – 1528) hielt die besonders idyllischen Momente auf Aquarellen fest. J.W. Goethe lobte während seiner Italienreise 1786 die „ungewöhnliche Farbe dieser Berge“, ihre „schönen, einzigartigen und schroffen Formen“. Der Italiener Giovanni Arduino (1714 -1795), der Franzose Déodat de Dolomieu (1750 -1801) und der Deutsche Alexander von Humboldt (1769 – 1859), um nur einige zu nennen, haben sich ausgiebig mit den Geologie der Dolomiten beschäftigt. Dolomieu fertigte 1791 die erste mineralogisch-chemische Analyse des Dolomitengesteins an und wurde somit zum Namensgeber dieser einzigartigen Bergregion.

Auf den Großen Jaufen

Auf geht’s zum zweiten Streich. Für den Großen Jaufen brauchen wir zwei Autos. Wir stationieren ein Fahrzeug am Pragser Wildsee. Das massive Forsthaus wirkt im Morgendunst wie die Kulisse eines Politthrillers. Dann fahren wir über Schmieden zurück und biegen links ab zum Gasthof Brückele. Heute bleibt uns das Spuren scheinbar erspart. Tief hinten am Parkplatz im Pragser Tal stehen tatsächlich schon zwei Autos. Kurz vor der Rossalm erhaschen uns die ersten Sonnenstrahlen. Wir legen eine Schicht ab. Auf den Holzstadeln türmen sich gewaltige Schneemassen zu windverfrachteten Elvis Presley-Tollen. Das langgezogene Gipfelplateau wird zum Panorama-Laufsteg. Natürlich sehen wir auch die Drei Zinnen wieder, aber die spielen hier ausnahmsweise mal nur die zweite Geige. Das Pragser Tal ist das Reich der mächtigen Hohen Gaisl. Wir verzichten schweren Herzens auf den nordwestlichen Gipfelhang – er wirkt gefährlich überladen. Aber auch die südliche Variante zaubert uns ein breites Powdergrinsen auf die Gesichter. Mit der letzten Schussfahrt erreichen wir die Uferschanze und landen beinhart auf dem stocksteif gefrorenen Pragser Wildsee. Die Sonnenstrahlen haben sich längst wieder verabschiedet. Mit kräftigen Doppelstock-Schüben und geöffnetem Fersenhub queren wir das zerschrammte Eis.

Schlemmerpause auf der Dürrensteinhütte

Wir bleiben im Pragser Tal. Peilen den 2839 Meter hohen Dürrenstein an. Tuckern zunächst am Stollbach entlang und später mit Schneeketten hoch zur Plätzwiese. Die Serpentinen werden von meterhohem Schnee flankiert. So müssen sich Bobfahrer im Eiskanal fühlen. Die Plätzwiese ist sicher eine der schönsten Hochalmen der Alpen. Die Loipe hier oben bietet eine traumhafte Runde durch  ein monumentales Gipfelkolosseum. Gerade präparieren die Damen der Kanadischen Nationalmannschaft ihre Bretter um hier beim Höhentraining die roten Blutkörperchen in Wallung zu bringen. Parallel zur Loipe ziehen wir gemach ansteigend bis zur Dürrensteinhütte und bekommen unerwartet einen Motivationsschub. Ferdinand Mair, Hüttenwirt und Chefkoch in Personalunion, steckt uns, dass er heute Tris di Gnocchi kochen wird. Dreierlei Nocken mit Spinat-, Käse- und Tomatenfüllung, mit zerlassener Butter und ein bisserl Parmesan drüber. Jawohl, das hört sich gut an. Bisher hieß es immer, was du trägst ist was du isst. Heute bleiben Riegel und Wurstbrote im Rucksack, aber garantiert. Zunächst heißt es allerdings spuren. Die breiten Kuppen ziehen sich hin bis wir endlich den Dürrenstein  erreichen. Am Gipfel müssen wir Vorsicht walten lassen. Der Grat wird von einer kapitalen, aber schwer einsehbaren Wächte geziert. Drei Zinnen,  Monte Cristallo und natürlich die sich direkt vor uns aufbauende 3146 Meter mächtige Flanke der Hohen Gaisl – das Panorama kriegt wieder die Bestnote. Dafür sorgen gute 20 Grad minus und ein frisches Lüftchen, dessen Chill-Faktor die Bartstoppeln einzeln rausmontiert, für eine knappe Gipfelrast. Ein Schluck Tee, ein Gipfelbild mit klammen Fingern und ab geht der Rausch durch den kniehohen Pulver. Nicht dass uns die Kanadierinnen noch die Gnocchi wegfuttern.

Infos:

Es hat nichts mit dem Drang nach Superlativen zu tun. Die Dolomiten gehören zu den schönsten Berglandschaften der Welt. Das Hochpustertal und die Drei Zinnen liefern dabei das Sahnehäubchen. Das hat die UNESCO am 26. Juni 2009 mit dem Ritterschlag „Weltnaturerbe“ bestätigt. Dabei wurden die beiden bestehenden Naturparks Sextener Dolomiten und Fanes-Sennes-Prags samt ihren Pufferzonen mit eingeschlossen.

Anreise: Auto: A 22 Kufstein-Brenner, kurz vor Brixen Abfahrt Richtung Bruneck und  auf der SS49 den Talorten des Hochpustertals: Niederdorf, Toblach, Innichen, Sexten, Moos, Fischleinboden. (Sexten ab München: 305 km)

Zug/Bus: Mit der Bahn über den Brenner zum Bahnhof Franzensfeste. Dort lokale Bahnlinie Richtung Innichen mit Haltestellen in Niederdorf, Toblach und Innichen. Sexten und das Pragsertal sind mittels der örtlichen Busverbindungen von Innichen und Niederdorf aus problemlos erreichbar. www.bahn.de,
Zugbahnhof Innichen: Tel. +39 0474 913 224 , Öffentlicher Nahverkehr Südtirol: www.sii.bz.it, mit der www.mobilcard.info lassen sich Züge, Busse und Seilbahnen stark vergünstigt nutzen.   

Info: Tourismusverband Hochpustertal, Dolomitenstraße 29, I-39034 Toblach , Tel. + 39 0474 913156, Fax + 39 0474 914361, www.hochpustertal.info, versendet gratis Kartenmaterial mit Toureninfos.

Unterkünfte

Dolomitenhof – schön, am Talschluss des Fischleinbodens gelegen, sattes Panorama, starke Küche, bezahlbar – unbedingt Halbpension buchen, www.dolomitenhof.com, hier nächtigt auch unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel!

Für Wintercamper: Caravanpark Sexten – nobler, vielfach prämierter Sommer- und Wintercampingplatz mit unglaublichem Wellness-Angebot, (www.caravanparksexten.it)

Dolce Vita Family Chalet Post Alpina, einzelne Chalets, mit eigenem Whirlpool, architektonisch sehr gelungen, bezahlbar,  I-39038 Innichen ,Tel. +39 0474 913 133, www.posthotel.it

Wiesenhof, Schwimmbad, Sauna, top Küche, günstig und urgemütlich, zertifiziertes Bikehotel,  I -39030 Sexten, Tel. +39 0474 710 111 www.hotelwiesenhof.com

Hütten

Dreizinnenhütte, 2438 m, geöffnet 26.06.- 26.09, 40 Betten, 100 Lager, spartanischer Winterraum, CAI-Hütte, Pächter: Hugo Reider, Tel. + 39 0474 972002, Fax + 39 0474 712456, Mobil + 39 329 6690335, dreizinnenhuette@rolmail.net

Dürrensteinhütte, 2040 m, Privatbesitz,  Fam. Schwarz, ganzjährig bewirtschaftet, 25 Plätze, Plätzwiese 71, I-39030 PRAGS, Südtirol. Tel./Fax +39 0474 972505, Mobil +39 3482454707

Büllelejochhütte,  2528 m, Privatbesitz,  Fam. Rogger, 15.06. – 07.10. geöffnet, 13 Lager, Tel. Sommer: +39 0337 451517 Tel. Winter + 39 0474 710258, www.rogger.info, höchste Hütte im Naturpark Sextener Dolomiten. Klein und urig, auf dem Übergang vom Zwölferkofel zu den Drei Zinnen.

Rotwandwiesenhütte , 1924 m,  privat, Norbert Tschurtschenthaler, Juni-Mitte Oktober, Dezember-April (direkt an der Rotwand-Gondelbahn), Tel. +39 0474 710651, Mobil +39 348 4439834, 15 Betten, 7 Lager, www.rotwandwiesenhuette.it

Alpe Nemes, 1950 m, privat, Fam. Innerkofler, Dez. – Ostermontag, Mai – 1.Sonntag im November, Kein Ruhetag, Tel. +39 0474 710699, Mobil +39 347 0119360, keine Übernachtung.

Silianer Hütte, 2447 m, ÖAV Silian, Fam. Viktoria Schneider, 31.05. – 04.10., Tel. Mobil +43 0664 5323802, www.alpenverein.at/sillian, 12 Betten, 40 Lager, Winterraum (Schlüssel bei Sektion)

Szigmondy-Hütte, 2224m, Klaus Happacher, Mitte Juni – Ende Sept., 40 Betten, 40 Lager, +39 0474 710358, www.zsigmondyhuette.com

Bergführer

Globoalpin bietet Tourenwochen für Gruppen und Bergführer, die jeden Tourenwunsch oder längere Programme umsetzen können, Bahnhofstr. 3, I – 39034 Toblach, Tel. +39 0474 976815, www.globoalpin.com,

Literatur

Franz Hauleitner: Wanderführer, Dolomiten 5 und Dolomiten 3, Bergverlag Rother, je 10,80 €.

Kompass Wanderführer 992:  Dolomiten, Sexten, Hochpustertal, 12,95 €

Horst Höfler, Paul Werner:  Dolomiten, Brenta, Gardasee-90 Klettersteige, Bergverlag Rother

Peter Kübler, Hugo Reider: Kampf um die Drei Zinnen, Verlag Reider Touristik K.G. Sexten,

Karten:

Tabacco, Sextener Dolomiten, Topografische Wanderkarten 1:25000, Nrn. 010,03,031 je 7 €

Freytag & Berndt, Sextener Dolomiten,  1:50 000, Nr. S 10, je 6,80 €,

Kompass Wanderkarte 635, Hochpustertal, 1:25000, 6,95 €

Kompass Wanderkarte 047 Dreizinnen, Wandern, Rad Skitouren,  1: 25000, 7,95 €

Skitouren

Tour 1: Über den Fischleinboden auf den Sextner Stein, 2539 m

4,5 h, 1085 Hm, mittel

Charakteristik: an sich konditionell und technisch einfache Skitour mit erstklassigem Ausblick vom Gipfel, lediglich die Direttissima vom Gipfelhang erfordert auf Grund ihrer Steilheit einen technisch versierten Skifahrer.

Beste Zeit: Dez. bis April

Talort: Sexten, Fischleinboden

Ausgangspunkt: Talende, Parkplatz beim Dolomitenhof/Fischleinbodenhütt

Route: vom Parkplatz den Schildern Richtung Talschlusshütte in das tiefeingekerbte Tal folgen. Gleich nach der Hütte rechts, südwestlich auf den Dolomitenhöhenweg II in das Altensteintal, gleichmäßig ansteigend bergan, zwischen den Bödenseen hindurch und steil zwischen dem Toblinger Knoten und dem Sextner Stein hoch und links südlich zum Gipfel, direkt auf Augenhöhe mit den Drei Zinnen.

Tour 2: Von der Plätzwiese über die Dürrensteinhütte zum Dürrenstein, 2839 m

3,5 h, 860 Hm, leicht

Charakteristik: Auf Grund der Anfahrtsmöglichkeit mit dem Auto bis zur Plätzwiese, 1979 m eine einfache Tour auf den schönsten Aussichtsberg des Pragser Tals, den Dürrenstein, 2839 m

Beste Zeit: Dez. – bis April

Talort: Alpengasthof Brückele im Pragser Tal

Ausgangspunkt: Parkplatz Plätzwiese, (Achtung: Die Auffahrt erfordert häufig Schneeketten!)

Route: Zunächst mäßig ansteigend am Hotel Hohe Gaisl vorbei zur Dürrensteinhütte (2028), dort der Beschilderung steiler ansteigend, gen Norden zum Dürrenstein-Gipfel (Achtung: Der Gipfelgrat ist häufig sehr stark verwächtet) folgen, der südwestlich von  der Hohen Gaisl und südwestlich von den Drei Zinnen flankiert wird. Abfahrt wie Aufstieg über unendliche Kuppen mit hohem Flowfaktor.

Tour 3: Überschreitung des Großen Jaufen, 2480 m

4,5 h, 980 Hm, mittel

Charakteristik: Große aussichtsreiche Überschreitung mit einem krönenden Nordhang für gute Skifahrer.

Beste Zeit: Dez. - April

Talorte: Gasthof Brückele, Pragser Tal und Pragser Wildsee (2 Fahrzeuge nötig!)

Ausgangspunkt: Gasthof Brückele (1500 m)

Route: Vom Gasthof Brückele südlich der Beschilderung zur Rossalm, zunächst fast eben, dann im Wald steil ansteigend, folgen. Südlich vom Kleinen Jaufen schwingt sich der Weg weiter gleichmäßig mittelsteil bis zum Gipfelplateau, hier bereits tolle Rundumsicht, die Hohe Gaisl wirkt übermächtig. Am Plateau fast eben westlich zum letzten kleinen Gipfelhang des Großen Jaufen. Höhepunkt ist eigentlich die Abfahrt durch die nordseitige Rinne, aber bei Lawinengefahr bringt auch die südliche Variante viel Vergnügen.