Ein erfolgreiches Backcountry-Abenteuer erfordert eine vernünftige Vorbereitung und verantwortungsvolle Risikominimierung. Es wäre wohl naiv, würde man ignorieren, dass es in den Bergen gefährlicher als auf der Couch ist. Jeder Snowboarder und besonders jeder Freerider setzt sich im Gebirge natürlichen Gefahren und Risiken aus, ob wissend oder unwissend. Off-Piste und im Backcountry nehmen die Risiken natürlich erheblich zu, von der viel thematisierten Lawinengefahr ganz abgesehen.

Tourenplanung für Snowboarder: Die ersten Schritte

Um ein Freeride-Erlebnis oder eine Tour ins Backcountry mit dem Snowboard richtig zu planen, sind einige grundlegende Punkte zu beachten. Im ersten Schritt sammelt ihr sämtliche Informationen über die Wetterverhältnisse und Schneelage für die Region und den Berg, wo ihr die Tour machen möchtet. Voraussetzung ist natürlich, dass man diese Informationen auch richtig auswerten und einschätzen kann. Die Lawinenkunde ist dabei ein sehr komplexes Thema und es gehört viel Wissen und vor allem Erfahrung dazu. Daher wird sie ein einem separaten Artikel intensiv thematisiert - bis dahin könnt ihr euch in unserem Lawinenspecial umfangreiches Basiswissen anlesen. An dieser Stelle sei jedem geraten, einmal jährlich an einem der zahlreich angebotenen LVS-Kurse teilzunehmen.

Verantwortung und Respekt vor der Natur

Für jede Entscheidung im Gelände ist der Snowboarder oder Freeskier letztendlich selbst verantwortlich. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bleibt im freien Skiraum immer ein gewisses Restrisiko. Bei der Entscheidungsfindung, einen Hang zu besteigen oder abzufahren, ist es im Zweifel immer sicherer, umzukehren: Ein NEIN fällt zwar oft schwer, kann aber lebensverlängernd sein. Zu beachten sind sicherlich die Faktoren Höhendifferenz, Gehzeit und das Schwierigkeitslevel. Bei der Planung sollte man immer daran denken, eine Zeitreserven für Entdeckungen und Unvorhergesehens einzuplanen.

Im nächsten Schritt werden die erforderliche Ausrüstung und Kleidung zusammengestellt. Wir haben weiter unten eine Übersicht zusammengestellt, die Essentielles zum Thema Backcountry umfasst und Hilfestellung für die nächste Tourenplanung mit dem Snowboard sein kann.

Als dritter Schritt sind ein paar grundlegende Punkte aufgelistet, die in der unmittelbaren Vorbereitung am Berg wichtig sind. Eine Garantie für eine Vollständigkeit der Informationen kann dabei nicht übernommen werden, denn jede Entscheidung im Backcountry sollte unter Berücksichtigung aller möglichen Faktoren getroffen werden. Und diese ergeben sich manchmal erst direkt am Berg. Trotz aller Vorbereitungen, Hilfsmittel und Vorsichtsmaßnahmen bleibt im offenen Gelände immer ein gewisses Restrisiko. Die Risiken können aber minimiert werden, vorausgesetzt das Vorhandensein der Gefahren wird akzeptiert und stets versucht, aktive und logische Entscheidungen zu treffen. Dann lässt sich ziemlich "sicher" Freeriden und das Backcountry-Abenteuer wird zu einem genussvollen Erlebnis, das man noch oft wiederholen kann.

Know How

Die absolute Grundlage jeder Tourenplanung ist der Lawinenlagebericht. Er beschreibt detailliert den Schneedeckenaufbau, gibt Hinweise über gefährdete Bereiche und informiert über das Wetter. Eines der besten Tools, um bereits daheim eine grobe Einschätzung des Lawinenrisikos für deine geplante Tour zu treffen, ist die graphische Reduktionsmethode. Über die Methode könnt ihr euch in einem Lawinenseminar oder beim SAC informieren. Auch die Snowcard des DAV dient als sinnvolle Möglichkeit, anhand von Hangsteilheit, der Hangexposition und des Gefahrengrads eine individuelle Einschätzung der Gefahr an einem bestmimten Hang vorzunehmen. Mehr Infos: www.av-snowcard.de

Natürlich könnt ihr mit egal welcher theoretischen Methode nicht in die Schneedecke schauen – im Gelände bist ausschließlich du gefragt und musst die Gefahrenlage immer wieder auf das Neue beurteilen und verantwortungsvolle Entscheidungen treffen. Besonders die Geländeformen beeinflussen die Lawinenbildung, da sie einen entscheidenden Einfluss auf Windrichtung und -geschwindigkeit haben und damit auch auf das Ausmaß der Schneeverfrachtungen. Etwas Erfahrung sowie viel Aufmerksamkeit ermöglichen eine sichere Routenwahl. Es hat sich gezeigt, dass sich während verschiedener Winter nahezu identische Lawinensituationen ausbilden. Rudi Mair und Patrick Nairz, beide langjährige Profis des Lawinenwarndienstes Tirol, haben dies erkannt und daraus zehn immer wiederkehrende Lawinengefahrenmuster abgeleitet. Diese sowie den aktuellen Lawinenlagebericht findet ihr täglich unter http://lawine.tirol.gv.at

Material

Der Rucksack

Die Mindestgröße eines Rucksacks sollte etwa 25 bis 30 Liter betragen. Es sollten ausreichend Möglichkeiten zur äußeren Befestigung von Stöcken, Snowboard, Schneschuhen, Steigeisen etc. vorhanden sein. Ideal wäre eine Rucksack mit einem integriertem ABS-Airbag oder den neuen Zip-On ABS. Zwar sind ABS-Systeme etwas schwerer als gewöhnliche Rucksäcke, sie erhöhen jedoch die Chancen im Falle einer Lawinenauslösung nicht verschüttet zu werden. Ersatz für ein vernünftiges Risikomanagement sind sie allerdings nicht.

LVS-Gerät , Schaufel, Sonde

Die standardmäßige Notfallausrüstung ist immer dabei: Schaufel, Sonde und Lawinenverschüttetensuchgerät gehören stets in den Rucksack. Denn im Ernstfall ist eine Rettung durch Kameraden nach einem Lawinenabgang mit Verschüttung meist die einzige Überlebenschance. Ergänzend verringert ein Helm erheblich das Verletzungsrisiko bei Stürzen.

Die Schaufel sollte einen robusten langen Griff und ein großzügige Kelle besitzen. Bei der Lawinenschaufel ist ein Metallschaufelblatt zu bevorzugen. Metallschaufeln erleichtern das Graben führen zu einer schnelleren Bergung des Verschütteten. Ein 300cm lange Sonde braucht zwar ein bisschen mehr Platz, aber sie ist der professionelle Standard und haltbarer als die meisten kürzeren Optionen.

Jedes LVS-Gerät ist nur so gut wie sein Benutzer. Wer nicht damit umzugehen weiß, stellt eine Sicherheitslücke in der Gruppe dar. Der Umstieg auf ein modernes Drei-Antennen- LVS -Gerät ist empfehlenswert. Mit modernen Drei-Antennen-LVS-Geräten ist es selbst für ungeübte Tourengeher möglich einen einzelnen Verschütteten relativ einfach und schnell zu finden. Die Bedienung des Gerätes und die richtige Vorbereitung der Geräte auf Tour sollte mehrfach vor dem Winterstart geprobt werden, auch hierzu empfieht sich die Teilnahme an einem Lawinencamp.

Erste Hilfe

Unterwegs im Backcountry zu sein, bedeutet einem nicht unerheblichen Verletzungsrisiko ausgesetzt zu sein. Denn viele Unfälle, gerade bei der Abfahrt durchs Gelände, können schlichtweg nicht vorhergesehen werden. Da kann oft ein kleiner Baumstumpf oder eine Felskante unter der Schneedecke reichen, oder ein harmloser Sturz, und schon befindet man sich in einer prekären Situation abseits jeglicher Zivilisation.

Neben der gedanklichen Vorbereitung auf einen Ernstfall ist vor allem ein Erste-Hilfe-Set eine essentielle Voraussetzung. Das Wissen der richtigen Maßnahmen im Ernstfall ist natürlich das Wichtigste, um schnell und richtig reagieren zu können. Ein entsprechender Erste-Hilfe Kurs ist daher zu empfehlen. Das Standard Erste-Hilfe-Set sollte ausreichend Verbände, Latexhandschuhe, Tape, Kompressen/Wundauflagen, Desinfektionsmittel, eine ordentliche Schere und Pinzette, Rettungsfolie, Medikamente wie Schmerzmittel, Dreieckstuch, Wundnahtstreifen, etc. enthalten.

Mobiltelefon und Funkgerät

Ein Funkgerät kann im Backcountry und auf Touren sehr hilfreich sein, um mit deinem Partner in Kontakt zu bleiben. Gerade im Gebirge und entfernt von Wintersportorten ist das mobile Telefonnetz oft löchrig und der Empfang eher kritisch. Ein Mobiltelefon ist als Back-Up und im Notfall, ihr solltet aber sicherstellen, dass ihr es wasserfest verpackt in deinem Rucksack und möglichst weit enfernt von deinem LVS-Gerät verstaut hast.

Rettungsausrüstung

Wer mehrere Tage im Hochgebirge unterwegs ist und von Hütte zu Hütte tourt, der tut auch gut daran, einen Klettergurt einzupacken. Expressen zur Sicherung und ein paar Karabiner zusammen mit einem 50 bis 70 Meter langen und bis 7 mm starken Seil als ergänzendes Back-Up für knifflige Situationen oder Rettungen können Leben retten. Ebenso wie ein leichter, gut verstaubaren Biwaksack, falls man überraschend in die Dunkelheit kommt.

Check der Gelände und Schneebeschaffenheit

Ein gut sortiertes Touren-Equipment enthält auch das essentielle Wekzeug für den Check der richtigen Route und Schneebeschaffenheit. Dazu zählen unter anderm eine Landkarte mit großzügigem Maßstab und feinen Höhenlinien, die Snow-Card für eine Risikobewertung des Geländes, ein Vergrößerungsglas, eine Schneekristall-Karte, Thermometer, Bleistifte und ein zusammenklappbares Lineal. Auc hier gilt: Nur wer die Anwendung übt und weiß, was er tut, kann mit diesem Material sinnvolle Erkenntnisse ermitteln.

Die Extras

- Kompass für die Navigation

- Schweizer Armee-Messer oder anderers Multi-Tool

- Klettbänder

- Orangene Beflaggung oder Rauchfackeln, um im Falle einer Rettung auch aus der Vogelperspektive gesehen zu werden

- Zusätzliches Paar trockene Handschuhe und eine Mütze

- Alle hilfreichen Dinge, die dir aus schwierigen Situationen helfen.

Vorort Check

Checkt’s auch der Partner?

Ist die Ausrüstung aller Touren-Kollegen aus der Gruppe vollständig und funktionsfähig? Defektes Material wie Bindungen, Felle, LVS-Ausrüstung oder schlechte Kleidung können zu lebensbedrohlichen Situationen führen.

LVS-Check?

Niemals ohne eines LVS-Checks ins Gelände. Das beste LVS-Gerät hilft nichts, wenn die Batterien leer sind, es nicht eingeschaltet ist oder auf "Suchen" steht oder im Rucksack verstaut ist, der in einer Lawine oft nicht am Körper bleibt. Vor dem Abmarsch wird gemeinsam jedes Gerät auf seine beiden Funktionen „senden“ und „empfangen/suchen“ getestet.

Alleine oder Gemeinsam?

Eine Grundregel für Touren im Backcountry und Freeriding lautet: Niemals alleine im Gelände unterwegs sein. Im Falle einer Verschüttung sind die Kameraden meist die einzigen, die dem Verschütteten eine reale Überlebenschance ermöglichen können. Andererseits kontrolliert im freien Gelände kein Pistengerät nach Feierabend, ob ein Snowboarder verletzt liegen geblieben ist.

Sichtverhältnisse?

Wenn ich keine Sicht habe, dann kann ich eine Abfahrt schlecht oder überhaupt nicht beurteilen. Das betrifft Sichtbehinderungen durch die Geländeform ebenso wie durch Witterungsverhältnisse (Wolken, Nebel, Schneefall, etc.).

Sammel- und Treffpunkte?

Selbst wenn man im alpinen Gelände in der Gruppe unterwegs sein sollte, muss man manche Passagen oder Hänge aus Sicherheitsgründen einzeln fahren. Besonders dann, wenn die Hangneigung steiler als 35° beträgt, lautet die Strategie: Bis zu einem sicheren Sammelpunkt, an dem keine Gefahren, wie Lawinengefahr, Absturzgefahr, Gletscherspalten, etc. drohen, immer einzeln abfahren. Das gilt ebenso für den Aufstieg. Das hat einerseits den Hintergrund, dass bei einer eventuellen Verschüttung weniger Personen betroffen sind und dass ein einzelner Tourengeher oder Snowboarder die Schneedecke geringer belastet als eine komplette Gruppe.

Hangneigung?

Bis zu einer Hangneigung von 35° werden Hänge im Normalfall mit einem Abstand von 20m zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern befahren.

Hanglage?

Welche Ausrichtung hat der Hang, wie steil ist er, wo befinden sich er Aufstieg und die Abfahrt? Befinde ich mich im Bereich oder unterhalb lawinengefährdeter Hänge. Kann durch meine Spurwahl eine Lawinenauslösung erfolgen und jemanden unter mir verschütten?

Windrichtung?

Wetter mit Niederschlag und Temperatur wirkt sich auf die Lawinensituation aus. Der Lehrspruch von Wilhelm Paulke, „Der Wind ist der Baumeister von er Lawinen“ aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gilt auch heute noch.  Der Wind beeinflusst den fallenden, wie auch den bereits abgelagerten Schnee wesentlich und begünstigt die Bildung von Lawinen durch Verfrachtungen. Ihr solltet daher stets auf Anzeichen von Windverfrachtungen wie Wechten, Schneefahnen an Graten, winderodierte Schneeoberflächen u.ä. und der damit verbundenen erhöhten Gefahr der Schneebrettbildung achten.

Schneedecke?

Sind frische, selbstausgelöste Lawinen im Gelände sichtbar? Sie sind ein deutliches Anzeichen für eine instabile Schneedecke.

Spalten?

In Wintersportgebieten auf Gletschern gibt es Gletscherspalten abseits der Pisten, die unter der geschlossenen Schneedecke nicht erkennbar sein können. Diese Schneebrücken (dünne Schneedecke über einer Gletscherspalte) können bei Belastung durch einen Snowboarder brechen und zu einem Spaltensturz führen, der meist tödlich endet.

Gruppendynamik?

Eine vernünftige Tempowahl und gute Pausengestaltung auf Touren sind ebenso wichtig wie die Beachtung gruppendynamischer Prozesse. Durch die Anwendung der „Stop or Go“-Regel kann das Risiko einer Lawinenauslösung deutlich verringert werden. In regelmäßig zeitlichen Abständen und bei wesentlicher Veränderung des Geländes wird pausiert und die Situation neu bewertet.

Verantwortung?

Nur durch eine intensive Auseinandersetzung in Praxis und Theorie kann „Stop or Go“ auch tatsächlich das Risiko einer Lawinenverschüttung senken. Die Grundregel lautet daher immer: Wahrnehmen (Sehen, Hören, Fühlen) - Beurteilen (Wissen, Erfahrung, Gruppe) – Handeln (ja / NEIN – ein einzelner Zweifel gilt)

INFORMATIONEN ZUR LAWINENLAGE

Deutschland, www.lawinenwarndienst.bayern.de

Bayern: Tel. +49(0)89 9214 1210


Österreich: www.lawine.at

Tirol und Osttirol: Tel. +43(0)800 800 503

Steiermark: Tel. +43(0)316 1588

Kärnten: Tel. +43(0)463 1588

Vorarlberg: Tel. +43(0)5522 1588, warndienste.cnv.at/dibos/lawine Salzburg: Tel. +43(0)662 1588

Oberösterreich: Tel. +43(0)732 1588, www.ooe.gv.at/lawinenwarndienst

 

Schweiz, www.slf.ch

Tel. +411187

 

Links:

www.alpenverein.de

www.snowhow.info

www.freeride-map.com

www.alpinesicherheit.at (Alpines Sicherheits- und Informationszentrum)

www.lawine.at