Zur Erlernung der Carving-Technik gibt es eine Vielzahl von Übungen, die man auch alleine und ohne Anleitung durchführen kann. Wir wollen euch hier in diesem Special einige Übungen erklären und verdeutlichen, worauf es ankommt. Trotzdem empfehlen wir für Carving-Anfänger und Fortgeschrittene, die ihre Technik verbessern wollen, den Gang in die nächste Skischule und einige Stunden individuelles Training mit einem ausgebildeten Skilehrer. Die Vorteile liegen auf der Hand: Neben dem technischen Verständnis besitzt der Skilehrer die Möglichkeit der speziellen Rückmeldung. Er (er-)kennt typische Fehler sowie Wege, wie man diese vermeidet, und hat im Normalfall ein weitaus größeres Übungsrepertoire als wir es hier abbilden können. Ist euch dieser Weg aber zu mühsam, zu teuer oder ihr wollt euch einfach ein paar Anregungen holen, versucht es doch einmal mit diesen Anregungen.

Übung 1: Schrägfahren am Hang mit Kniekippen

In den vorangegangenen beiden Artikeln haben wir euch die Carving-Grundelemente und potentielle Fehlerquellen näher gebracht. Ihr konntet lesen, dass das Kippen des Körpers in die Kurvenmitte beim geschnittenen Schwung sehr wichtig ist, um den Ski auf die Kante zu stellen. Damit ihr aber erst einmal kennenlernt, wie eure Ski reagieren, wenn sie auf die Kanten gestellt werden, empfiehlt sich diese erste Übung: Ihr steht ohne Stöcke an einem mäßig steilen Hang und macht eine Schrägfahrt (Vorsicht: Beim Start immer nach oben vergewissern, ob die Piste frei ist, damit ihr Kollisionen vermeidet). Die Ski sind hüftbreit/schulterbreit auseinander, das Gewicht liegt zentral über dem Ski und circa 60 zu 40 auf dem talseitigen Ski. Die Hände liegen auf den Knien, so dass ihr während der Schrägfahrt diese langsam zum Berg drücken könnt. Wichtig: Es wird nur gekippt und nicht gedreht! Versucht Drehungen und damit ein Rutschen zu vermeiden. Wenn ihr es richtig macht, dürftet ihr mehrere Effekte bemerken: Wenn die Kante greift, fährt der Ski auf seiner Taillierung den Hang hinauf. Das Kippen der Knie führt automatisch zum Aufkanten. Und beim Blick zurück müsstet ihr bei richtiger Ausführung sehen, wie die Kanten zwei gleichmäßige „Schienen“ in den Schnee zeichnen. Seht ihr, dass die „Schienen“ unterbrochen werden und ihr den Schnee weggeschoben habt, hattet ihr Rutschanteile während eurer Schrägfahrt und solltet es noch einmal versuchen.

Erweiterung: Diese Übung lässt sich hervorragend und beinahe beliebig erweitern. So könnt ihr zum Beispiel die Schrägfahrt ausbauen und zunächst ein Stück bergab fahren, bevor ihr mit den Händen die Knie zum Hang drückt. Diese Erweiterung ist ein nächster Schritt zur Zieltechnik, denn ihr steigert die Geschwindigkeit und fahrt bereits eine Kurve auf der Kante. Weiterhin könnt ihr das Kniekippen ohne Zuhilfenahme der Arme versuchen oder auch bereits versuchen, mit dem ganzen Körper in Richtung Hang zu kippen. In diesem Video gibt es ein paar Übungen zu sehen, unter anderem auch die Schrägfahrt mit Kniekippen.


Übung 2: Fußgelenkkippen

Die Übung für feinfühlige Skifahrer: Auf nur ganz leicht geneigtem Terrain wird in der Grundposition (schulterbreite Ski, zentrale Position, beidbeinige Belastung, leicht gebeugte Gelenkstellungen) in Falllinie gefahren. Nun versucht ihr, nur durch gleichmäßiges Kippen der Fußgelenke den Ski auf die Kanten zu stellen. Gelingt dies, ohne den Ski seitlich wegdriften zu lassen, habt ihr nicht nur ein gutes Gleichgewichts- und Kantgefühl entwickelt, sondern dürftet auch bemerken, dass der Ski über seine Taillierung schnell eine Kurve einleitet, wenn er auf die Kante gestellt wird. Wichtig: Geringe, gleichmäßige und gefühlvolle Bewegungen sind hier das A und O - Hektik und Drehbewegungen somit fehl am Platz!

Isolierte Übungen, die die Verbesserung einzelner Elemente des geschnittenen Schwunges trainieren (Belastung, Körperposition, Kantbewegungen), gibt es noch sehr viele. Wir wollen uns mit den folgenden Übungen aber der Gesamtbewegung annehmen - sie sollten optimalerweise auf mäßig geneigter, planer und griffiger Piste durchgeführt werden, um die besten Übungsvoraussetzungen zu bieten.

Übung 3: Der Flieger

Viele Skifahrer dürften schon einmal eine Skikurs-Gruppe gesehen haben, in dem die Kids dem Skilehrer mit seitlich ausgestreckten Armen „hinterherfliegen“. Was komisch aussieht, ist eine sinnvolle Übung und auch für Erwachsene durchaus einen Versuch wert: Auf einem nicht zu steilen Hang wird die gesamte Breite der Piste genutzt und in langen Radien ohne Stöcke hinab gefahren. Die Arme werden seitlich auf Schulterhöhe ausgestreckt und man versucht, bei recht hoher Geschwindigkeit die Kurveninnenlage durch das Hineinlehnen in die Kurve zu verstärken. Wichtig dabei: Keine hektischen Bewegungen und keine Verwringungen im Körper!

Erweiterung: Neben dem Flieger kann man zum Beispiel auch eine Baggerbewegung zur bildlichen Untermalung und Erlernung der Ganzkörper-Kippbewegung machen - hierbei gelten die gleichen Übungsvoraussetzungen wie beim Flieger (langsame Bewegungsausführung!), nur das man beide Arme wie ein Bagger in die Kurvenmitte neigt und mit einer Baggerbewegung von innen nach außen schaufelt. Dabei sollte man aber nur eine geringe Hoch-Tief-Bewegung anstreben.

Übung 4: Fahren auf dem Außen- und Innenski

Eine typische Skikurs-Übung, die man auch gut alleine machen kann. Auf leichter Piste wird versucht, langgezogene Schwünge auf der Kante zu fahren. Um das Gleichgewichts- und Kantgefühl zu steigern, wird zunächst in den Schrägfahrten und dann in der Kurve das bergorientierte Bein, bzw. das kurvenäußere Bein angehoben. Hat man es einigermaßen raus, eine Kurve nur auf dem Außenbein geschnitten zu fahren, kann man es auch einmal mit dem Innenbein versuchen - dies ist allerdings deutlich schwerer und nur etwas für sehr fortgeschrittene Fahrer.

Übung 5: Einleiten der Kurve mit dem Innenski

Wir legen die Stöcke wieder zur Seite, legen die Arme auf die Knie und fahren weite Radien in flachem Gelände. Dabei versuchen wir, ähnlich wie bei der ersten Übung "Schrägfahrt", den Kurvenwechsel mit dem jetzt kurveninneren Bein einzuleiten. Dafür drückt/kippt man das Knie des Innenbeins in die Kurvenmitte und kantet den Innenski auf - eine sehr ungewohnte, aber für den perfekten geschnittenen Schwung sehr wichtige Bewegung. Damit später beim Carving euer Gewicht nicht nur auf dem gestreckten Außenbein liegt, sondern auch das Innenbein den Ski aufkantet, ist diese Übung sehr gut geeignet. Wichtig ist auch hier wieder das Verhindern von Drehbewegungen des Beines.

Übung 6: Innenstock auf Schulter


Wir fahren wieder langgezogene, geschnittene Schwünge, dieses Mal mit Stöcken. Ziel: Zur Unterstützung der Aufkant- und Oberkörperausgleichsbewegung legen wir während der Kurven immer den kurveninneren Stock auf die nach Innen gerichtete Schulter - z.B. geht die Kurve nach links, nehmen wir den linken Stock auf die linke Schulter. Der rechte Stock wird nach Außen in den Schnee gehalten.

Erweiterung: Seid ihr bereits gute Carver und bringt den Ski super auf die Kante? Dann versucht die Variante und zeigt während der Kurve mit beiden Stöcken zur Kurvenaußenseite. Das führt automatisch zur einer stärkeren Ausgleichsbewegung des Oberkörpers.

Übung 7: Verhinderung von Hoch-Tief-Bewegung

Fuhr man früher mit einer teilweise sehr exzessiven Hoch-Tief-Bewegung, um den Ski entlasten und umsetzen zu können, ist das heute anders. Heute versucht man auf ausführliche Bewegungen nach oben und unten zu verzichten, sondern lässt die Ski beim Kurvenwechsel unter dem Körper hindurchgleiten. Das ist alles andere als einfach und körperlich anspruchsvoll, aber versucht es einmal. Dazu könnt ihr auch die Stöcke quer vor dem Körper halten und versuchen, Hoch- und Tiefbewegungen selbst zu kontrollieren und so gut es geht zu vermeiden.

Für weitere Übungen zur Erlernung, Verbesserung und Festigung der Carving-Technik empfehlen wir einen Blick in den "Skilehrplan Praxis" vom Deutschen Verband für das Skilehrerwesen. Besser ist allerdings der Gang in eine Skischule - die Skilehrer dort können euch nämlich nicht nur technikorientierte Übungen zeigen, sondern auch Tipps zu Sensibilisierung und Rhythmus geben oder Übungsreihen mit Imitationsaufgaben, Materialbezug oder auch das beliebte Synchronfahren vorstellen.

Die wichtigsten Tipps im Überblick:

- Geschnittene Carvingschwünge sind Teil einer Technik, die am besten bei hohen Geschwindigkeiten funktioniert. Daher sollte man zunächst die körperlichen und geistigen Voraussetzungen schaffen, um sicher und angstfrei zügig Ski zu fahren - erst dann kann man die Feinheiten der Technik erlernen.
- Das richtige Material ist für die Carving-Technik elementar - und dazu gehören nicht nur gute Ski. Neben gut präparierten Carving-Skiern, die einen Radius zwischen 12m-20m haben sollten, spielen die Schuhe eine entscheidende Rolle: Zu weiche Skischuhe verhindern die Kraftübertragung auf den Ski und erschweren die Kantstabilität während des geschnittenen Schwunges. Es muss kein knüppelharter Race-Schuh sein, aber ein 25 Jahre alter Heckeinsteiger macht für das Carven keinen Sinn.
- Die richtige Körperposition auf dem Ski ist für die Zieltechnik sehr wichtig: Es lohnen sich Übungen mit Variationen der Position, um für sich selber die beste Lage zu ermitteln. Lehnt euch beim Versuch zu carven doch mal vor, zurück, zur Seite, fahrt steif, fahrt extrem entspannt, fahrt eng und ganz breit, pendelt mit den Armen wild umher, belastet die Ferse, die Zehen oder den ganzen Fuß und und und ... am Ende solltet ihr zur idealen Körperposition gelangen, die allerdings immer auch etwas von euren körperlichen Voraussetzungen abhängt.

Zum Ende dieser zweiten Folge soll aber unser Experte Dr. Frank Reinboth vom Bundeslehrteam Ski des DSV noch einmal zu Wort kommen. Haben Sie vielleicht noch ein paar Tipps, wie man seine Technik festigt, Herr Reinboth? "Es gilt das Motto: Schwimmen lernen wir im Wasser und nicht unter der Dusche. Das heißt, seine Technik vertieft man vor allem beim Skifahren: möglichst viele unterschiedliche Situationen, flach, steil, harte und weiche Unterlagen, planes und kupiertes Gelände, kurze und mittlere Radien, langsames und hohes Tempo, mit und ohne Stöcke fahren, vorwärts und rückwärts fahren und so weiter. Dabei erkennen wir, was wo funktioniert und was nicht. Dadurch entwickeln wir eine Kompetenz, d.h. wir wissen immer besser, wann wir uns wie verhalten müssen, zum Beispiel wann wir unsere Körperspannung anpassen oder unseren Körperschwerpunkt verlagern müssen."

In der nächsten Folge unseres Themenspecials thematisieren wir das Fahren im Steilhang und die spezielle Technik in der Buckelpiste.