Die Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS), das Karlsruher Institute of Technology (Institute of Meteorology and Climate Research) und die Deutsche Sporthochschule (Institute of Outdoor Sports and Environmetal Science) veranstaltete am 1./2. Oktober 2018 auf der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus/Zugspitze und am 15./16. Januar 2019 in Ruhpolding ein länderübergreifendes Expertenhearing „Klima.Schnee.Sport“ zu den Perspektiven des Schneesports im Zeichen des globalen Klimawandels.


Unter anderem wurden folgende Leitfragen diskutiert:


Wie stark ist in den mitteleuropäischen Gebirgsräumen die Klimaerwärmung im Winter im Vergleich zum globalen Trend ausgeprägt?

Mit welcher Sicherheit können Klimaprognosen für das Winterklima in Mitteleuropa für die nahe (bis 2050) und ferne Zukunft (bis 2100) erstellt werden?

Wie differenziert sich räumlich die zu erwartende Veränderung der Schneedeckenandauer und Schneedeckenmächtigkeit in den Mittelgebirgen Deutschlands und im Alpenraum?

Welchen Einfluss hat die Variabilität der atmosphärischen Zirkulation auf das Winterklima?

Welche Auswirkungen sind für eine technische Beschneiung zu erwarten?

Welche Strategien und Maßnahmen zur Anpassung und zum Klimaschutz können empfohlen werden?

 

Insgesamt haben über 20 Autoren aus 14 wissenschaftlichen Einrichtungen mitgewirkt und so dazu beigetragen, erstmals den aktuellen Forschungsstand in Form eines Positionspapiers und wissenschaftlichen Beiträgen in der Fachzeitschrift FdSnow, Heft 53 in einem lesenswerten Überblick zu präsentieren.

 

Kernaussagen des Positionspapiers

 

Die Fachwissenschaftler und Forschungseinrichtungen sind darin einig, dass zu erwarten ist, dass sich die Jahresmitteltemperatur im Alpenraum und den Mittelgebirgen bis zum Ende des Jahrhunderts um mindestens weitere 2°C erhöhen wird. Die Zunahme der Temperatur betrifft alle Jahreszeiten. Nur durch Umsetzung von tiefgreifenden Maßnahmen zur Emissionsreduktion, wie im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 vorgesehen, könnte dieser Wert unterschritten werden.

Als Folge wird die für den Schneesport geeignete natürliche Schneedecke langfristig bis in mittleren Lagen im Alpenraum und in den Mittelgebirgen weiter zurückgehen. Dabei verkürzt sich die Dauer der Schneebedeckung um Wochen im Spätwinter, etwas weniger stark auch im Frühwinter.

In diesem Zusammenhang ändern sich ebenfalls die klimatologischen Rahmenbedingungen für die technische Schneeerzeugung. Anzahl und Dauer der potentiellen Schneizeiten werden sich verringern.

Aussagen zur nahen Zukunft (bis 2050) sind schwieriger zu treffen, denn die zum Teil hohe natürliche Klimavariabilität überlagert den langfristigen Trend. Diese starken Schwankungen können den auch bis 2050 stattfindenden allmählichen Anstieg der mittleren Temperatur markant überprägen.

Die Kombination aus Variabilität und kontinuierlicher Erwärmung führt jedoch dazu, dass es immer wieder neue Temperaturmaxima geben wird. Beim Niederschlag ist die Variabilität besonders hoch und es lassen sich auch daher derzeit nur schwerlich klare Trends ausmachen.

In diesem Positionspapier bestätigen die beteiligten Fachwissenschaftler und Forschungseinrichtungen einvernehmlich die folgenden Kernaussagen für den Alpenraum und die deutschen Mittelgebirge und geben Hinweise auf Wissensdefizite und mögliche Handlungsstrategien.

 

Wissensdefizite und Forschungsrelevanz sehen die Wissenschaftler in folgenden Themengebieten

 

Persistenz von Wetterlagen: Es gibt Anzeichen dafür, dass generell durch Auswirkungen des Klimawandels auf die atmosphärische Zirkulation Wetterlagen tendenziell länger andauern (erhöhte Persistenz) und z. B. eine Wintersaison prägen können.

Extremereignisse: Die Anzeichen mehren sich, dass sich Extremereignisse sowohl häufen als auch verstärken; Forschungsbedarf besteht bezüglich eines besseren Verständnisses der Ursachen und Dynamik solcher Extremereignisse und ihrer statistischen Einordnung.

Unsicherheiten der Datenlage: Aussagen zur mittleren Temperaturentwicklung sind relativ zuverlässig. Aussagen zur Niederschlagsentwicklung sind dagegen mit großen Unsicherheiten behaftet. Hier besteht dringender Bedarf, die Datenlage auch durch Integration neuer Beobachtungsmethoden weiter zu verbessern.

Niederschlagsentwicklung: Um die Niederschlagsentwicklung zuverlässiger einschätzen zu können, sind weitere Erkenntnisse über den Prozess der Niederschlagsbildung insbesondere im Gebirge notwendig.

Klimaprognosen: Deutliche Verbesserungen bei den saisonalen und dekadischen Wetter- und Klimaprognosen u.a. durch eine Verfeinerung der räumlichen und zeitlichen Auflösung der dazu verwendeten Modelle sind Voraussetzung zur Einschätzung der kurz- und mittelfristigen Variabilität der Schneedecke.

Seilbahnbetreiber, Unternehmen, Wintersportverbände und Destinationen bietet sich auf dieser Basis die Chance, sich aktiv an der gesamtgesellschaftlichen Herausforderung „Klimawandel“ mit entsprechenden Maßnahmen zur Anpassung an die Folgewirkungen und zur Minderung der Treibhausgasemissionen zu beteiligen. Zielführend sind dabei eine objektive Risikobewertung und ein adäquater Umgang mit Unsicherheiten in den betrachteten Wintersportgebieten. Aufgrund der regionalen und mikroklimatischen Besonderheiten sowie unterschiedlicher Ausgangslagen sind standortbezogene Aussagen komplex und schwierig. Daher sollten ausgewiesene Fachleute aus den Bereichen Klimatologie und Meteorologie eingebunden werden, die mit der vorhandenen Datengrundlage im jeweiligen Gebiet vertraut sind und eine wissenschaftsbasierte Beratung leisten können.

 

Strategische Handlungsansätze

 

Angepasste technologische, organisatorische Innovationen und Diversifikation der Angebote zur Sicherung und Weiterentwicklung des Wintersports.

Verstärkte Nutzung erneuerbarer Energien und Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz in allen Sektoren des Wintersports.

Intensivierung der wintersportbezogenen Klima- und Anpassungsforschung.

Etablierung interdisziplinärer Partnerschaften, Netzwerke und Systeme zum Informationsaustausch auf allen Ebenen für eine nachhaltige Entwicklung des Sektors.

Durchführung von standortsbezogenen Vulnerabilitätsanalysen zur Erfassung und Bewertung klimatologisch relevanter Parameter (Exposition), der Empfindlichkeit (Sensitivität) und Anpassungskapazität des jeweiligen Wintersportgebietes.

Etablierung von Resilienz-Strategien zur Verbesserung der Widerstands- und Anpassungsfähigkeit und der Stärkung der Innovationsfähigkeit des Wintersports.

 

Zur Zukunftssicherung des Wintersports gilt über die Handlungsstrategien hinaus: Ein konsequenter Erkenntnistransfer zwischen Wissenschaft und Praxis erleichtert die Verständigung, den wechselseitigen Nutzen und beschleunigt die Suche nach Lösungen. Zudem ist die Versachlichung der öffentlichen Diskussion eine wichtige Aufgabe aller Akteure.

 

Beteiligte Fachwissenschaftler und Institutionen

 

Dr. Andreas Becker, Deutscher Wetterdienst (DWD), Abteilung Hydrometeorologie

Dr. Pirmin Philipp Ebner, WSL Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), Forschungsgruppe Industrieprojekte und Schneesport

PD Dr. Andrea Fischer; Institut für interdisziplinäre Gebirgsforschung Innsbruck (IGF) Österreichi-sche Akademie der Wissenschaften (ÖAW)

PhD Kay Helftricht; Institut für Interdisziplinäre Ge-birgsforschung Innsbruck (IGF), Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)

Mag. Roland Koch; Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), Abteilung Klimaforschung

Dr. Sven Kotlarski; Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz

Prof. Dr. Harald Kunstmann; KIT-Campus Alpin, Institut für Meteorologie und Klimaforschung und Universität Augsburg

Prof. Dr. Michael Lehning; WSL Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), Forschungsgruppe Schneeprozesse; Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne

Gudrun Mühlbacher; Deutscher Wetterdienst, Regionales Klimabüro München

Dr. Marc Olefs; Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), Abteilung Klimaforschung

Hansueli Rhyner; WSL Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), Forschungsgruppe Industrieprojekte und Schneesport

Prof. Dr. Ralf Roth; Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS); Institute of Outdoor Sports and Environ-metal Science, Vorstand Stiftung Sicherheit im Skisport (SIS)

Michael Rothleitner; Schneezentrum Tirol am MCI, Management Center Innsbruck

Prof. Dr. Hans-Peter Schmid; KIT-Campus Alpin, Institut für Meteorologie und Klimaforschung und TU München

Prof. Hubert Siller; MCI, Management Center Innsbruck

Prof. Dr. Ulrich Strasser; Universität Innsbruck, Institut für Geographie

Dr. Michael Warscher; Universität Innsbruck, Institut für Geographie

Dr. Karl-Friedrich Ziegahn; Karlsruhe Institut of Technology (KIT), Bereich IV Natürliche und gebaute Umwelt

 

Link Positionspapier: https://www.stiftung.ski/fileadmin/user_upload/Final_SIS_ExpertenforumKlima.Schnee.Sport_Positionspapier_26_02_19.pdf