Deutsch

Adlerweg in den Lechtaler Alpen: Unterwegs im Niemandsland

29. Mai 2012 | Peter Freiberger/bergleben.de

News Regionen: Österreich, St. Anton, Tirol

Wanderer am Sewisee bei der Memminger Hütte.

Wanderer am Sewisee bei der Memminger Hütte.

Copyright: Lechtal Tourismus
Die Lechtaler Alpen - das sind grüne Flanken, Schuttreisen, herausfordernde Jöcher und Scharten, dazwischen einsame Kessel mit prächtigen Gebirgsseen, graue, unnahbar wirkende Gipfel. Eine Kombination, die es mir besonders angetan hat.

Zusammen mit meinem Pitztaler Freund Michael habe ich den Adlerweg in den Lechtalern erkundet - genauer gesagt die alpinen Varianten zur Hauptroute. Wir stiegen bei der Steinseehütte quer ein - mit dem (End)ziel St. Anton am Arlberg.

Von Zams bei Landeck führt ein Fahrweg zur Alfuzalm, von wo man über einen Steig noch etwa 2 Stunden bis zur Steinseehütte benötigt. Der Hüttenwirt hatte uns vor der Fahrtrasse gewarnt - sie sei nichts für schwache Nerven. Nun - für die Etappen in den Lechtalern gilt es ohnehin Schwindelfreiheit mitzubringen, so fürchtete ich mich vor der Anfahrt wenig. Allerdings ist es schon ein eigenartiges Gefühl, mit dem Pkw eine schmale Straße in steilen, abschüssigen Schotterhängen zu befahren. Insgesamt jedenfalls eine perfekte Vorbereitung für die Touren.

Einstieg in die Halbetappe

Wir stimmen uns am Steig zur Steinseehütte nahe des gleichnamigen Sees auf die Etappe zum Württemberger Haus ein. Halbetappe müsste man eigentlich sagen - denn der Start erfolgt bereits bei der Hanauer Hütte jenseits der Dremelscharte. Obwohl ich die Hanauer samt deren Wirtsleuten besonders schätze, macht es mir nichts aus, jetzt nur den halben Weg vor mir zu haben. Die verbleibenden rund 4 Stunden zum Württemberger Haus genügen für den Beginn. Den Abschnitt zwischen Steinsee und Hanauer kenne ich ja schon.

Bilder & Videos

Adlerweg Tirol - © Lechtal Tourismus
Adlerweg Tirol - © Lechtal Tourismus
Adlerweg Tirol - © Lechtal Tourismus
Adlerweg Tirol - © Lechtal Tourismus

Alle anzeigen



Es wird gleich von Beginn an „luftig“, sobald wir die Steinkarscharte erreicht haben. Und dort oben bietet sich das typische Bild für Touren in den Lechtaler Alpen: Man blickt in einen Kessel, quasi in eine neue Welt, der von einem weiteren Übergang begrenzt ist, hinter dem sich abermals ein Kessel auftut.

„Ungewohntes, aber großartiges Szenario“, sage ich zu Michael. Der nickt, zumal er üblicherweise in der Hochgebirgswelt der Ötztaler Alpen zu Hause ist. Als Oberländer lernt man eben nie aus. Weder im Unterland, noch in seiner - erweiterten - Heimatregion.

Die Route hinüber bis zur Roßkarscharte lässt sich gut erkennen. Wir durchschreiten steile, abschüssige Schuttreisen, in meinem Bauch wächst langsam ein leicht mulmiges Gefühl, denn es ranken sich schaurige Geschichten um diesen Übergang. Alles andere als einfach wird er allgemein beschrieben. „Aber ich bin ja nicht zum ersten Mal in den Bergen unterwegs“, mache ich mir Mut. Außerdem bin ich ja da, um etwaige ungenaue Beschreibungen bzw. Übertreibungen für die Begeher des Adlerwegs zu korrigieren bzw. zu relativieren.

„Wieder einmal ziemlich viel Lärm um Nichts“, schüttle ich dann auf der Roßkarscharte ungläubig den Kopf. Michael grinst nur. Selbst der Blick in die Rinne vor uns, durch die wir gleich in einen weiteren Kessel steigen, erzeugt kein Gänsehautfeeling. Immerhin können wir uns an einem Fixseil gemütlich hinter hangeln.

Einsame Bergwelten

Solch einsame Bergwelten habe ich, ja haben wir beide, vorher selten erlebt. Jede eine Pracht für sich, scheinbar völlig abgeschieden von der Zivilisation. Wundervoll! Und ähnlich emotional arbeite ich dann abends auch am Factsheet für diesen Teil des Adlerwegs.

Wenig später leitet der Steig in einem sanften, kaum ansteigenden Grashang empor zum Gebäudjoch, mit 2.452 Metern höchster Punkt der Etappe. Das Gebäudjoch stellt quasi ein Symbol dar dafür, dass fast alle Dinge zwei Seiten besitzen. Gemütlich und unproblematisch geht’s hinauf, jenseits hingegen auf erdigem Boden, auf dem sich ein Steig selten lange hält, fast weglos und jäh hinunter. Davor hatte mich keiner gewarnt ...

Für Trittsichere stellt diese Passage natürlich kein Problem dar. Und das Württemberger Haus (2.220 m) rückt Schritt für Schritt näher. Geschafft!

Selten einmal befindet sich ein AV-Schutzhaus, eine Unterkunft am Berg dermaßen weit entfernt vom Tal und ist dermaßen schwierig erreichbar. Etwa fünf Stunden dauert der normale Zustieg aus dem Inntal von Zams, ähnlich verhält es sich auf Lechtaler Seite. Und keine der beiden Routen stellt von den Anforderungen her einen Spaziergang dar. Vielleicht hat uns deshalb dieser Platz so fasziniert. Hier könnte man sich - im positiven Sinn - fast eingeschlossen fühlen; jedenfalls weit, weit weg von der lauten, schrillen Welt. Beinahe ein Traum!

Tiefschlaf in der Abgeschiedenheit

Ich kann mich am folgenden Morgen nicht daran erinnern, jemals so gut in einer Hütte geschlafen zu haben. Scheint, als hätte die Umgebung, die Barriere zum „normalen“ Leben positive Auswirkungen gehabt.

Das Wetter hat sich über Nacht zum Glück nicht verschlechtert, deshalb können wir am Morgen bei fast wolkenlosem Himmel die folgende Etappe bis zur Memminger Hütte (2.242 m) in Angriff nehmen. Die Bezeichnung „Angriff“ passt hier einigermaßen, denn immerhin führt die Etappe über mehrere Gipfel und einen langen Grat. Das setzt ein wenig „Angriff“ voraus. Jetzt sind wir in den Gipfelregionen der Lechtaler Alpen unterwegs.

Wanderer am Sewisee bei der Memminger Hütte.  - © Lechtal Tourismus

Wanderer am Sewisee bei der Memminger Hütte.

Copyright: Lechtal Tourismus


Große Berge warten auf uns - zumindest dem Namen nach. Der erste trägt die Bezeichnung Großbergspitze. Es dauert nicht lange und wir stehen dann am Großbergkopf (2.612 m), der ein paar Kletterkünste erfordert. Freilich nicht mehr, als einem Nicht-Kletterer wie mir zumutbar ist. Seile helfen, eine heiklere Stelle zu packen. Schließlich darf auch ein Großbergjoch an dem Tag nicht fehlen. Und eine grandiose Aussicht zu den Dreitausendern am Alpenhauptkamm ebenfalls nicht.

Weil Jöcher und Scharten zu den Lechtaler Alpen gehören wie die Biene zum Honig erklimmen wir in der Folge noch das Seejoch. Dort beginnt der Adlersturzflug zur Memminger Hütte. Landung in einem neuen Kessel, in einer neuen Welt nach ungefähr 5 Stunden. Typisch Lechtaler Alpen!

Seen bei der Memminger

Läge die Hütte nicht auf 2.242 Meter Höhe in den Bergen, so könnte man in der Umgebung vortrefflich baden. Gleich zwei kleine Seen befinden sich rundherum. Denen mangelt es freilich nicht nur an angenehmer Wassertemperatur sondern ebenfalls an Tiefe. Die Füße kühlen nach langer, anstrengender Tour geht sich aber fein aus.

Unser Blick am Abend beim gemütlichen Bier zum Himmel zeigt, dass bloß einige Sterne zu erkennen sind. Das Wetter, das uns bisher praktisch keine Wolke beschert hat, scheint sich zu verschlechtern. Für den folgenden Tag sind wir trotzdem zuversichtlich. Unser ursprüngliches Vorhaben, St. Anton ohne vorherigen Talabstieg zu erreichen, wird sich allerdings wohl nicht ausgehen. Mal sehen.

Tatsächlich hat es etwas eingetrübt, als wir am Morgen aus dem Fenster schauen. Bis zur Ansbacher Hütte (2.376 m) sollten wir laut Wettervorhersage jedoch trockenen Fußes kommen. Stabile Wetterverhältnisse sind in den Lechtaler Alpen besonders wichtig, zumal es zwischen den einzelnen Hütten kaum Notabstiege ins Tal gibt.

Die Parseierspitze, der einzige 3000er der nördlichen Kalkalpen, befindet sich unweit der Memminger. Wir steigen freilich nicht dorthin auf sondern ins gleichnamige Tal ab. Ein schier endloses Kar, das Langkar, erstreckt sich auf der anderen Talseite hinauf bis zur Grießlscharte (2.632 m).

Die zeigt sich bereits von der Memminger Hütte aus und wirkt unnahbar und schwer zu ersteigen. Ähnlich wird sie beschrieben - übertrieben schwierig! Wer es bis hierher geschafft hat, für den stellt die Scharte kein nennenswertes Hindernis mehr dar.

Das völlig harmlose Winterjoch jenseits unterhalb der Scharte ist nächstes Ziel. Fasziniert blicke ich zu den „rostigen“ Bergen in der Umgebung - die Eiseneinlagerungen im Fels drücken sich farblich aus. Und in den Namen - zumindest in dem der Eisenspitze.

In abschüssigen Flanken lässt sich die Route des Augsburger Höhenwegs erkennen. „Michael, der ist wohl eine Nummer zu anspruchsvoll für mich“, schaue ich meinen Begleiter fragend an. „Aber geh - den schaffst du locker!“ Diese Einschätzung des Pitztalers, der sich üblicherweise in den (Gletscher-)Regionen jenseits der 3.000er-Grenze bewegt, baut auf. Grundsätzlich gilt: Der Augsburger entpuppt sich um ein Spürchen anspruchsvoller als der Adlerweg in den Lechtaler Alpen. Also Vorsicht!

Kür zur Ansbacher Hütte

Der letzte Abschnitt zur Ansbacher Hütte wird zur Kür. Wir spüren kein bisschen Stress, als der eine oder andere Regentropfen vom Himmel fällt. Sechs Stunden Gehzeit liegen schließlich hinter uns. Bei dem Schutzhaus betreten wir abermals eine neue Welt - es liegt nicht in einem für die Lechtaler typischen Kessel sondern am Hang über dem Stanzertal. Michaels Blicke leuchten, als er den Pettneuer Ferner vom Hohen Riffler gegenüber erblickt.

Ich wiederum bin gar nicht enttäuscht, dass wir wohl am nächsten Tag absteigen müssen. Drei wundervolle Tage liegen hinter uns. Ich habe nicht nur unzählige Zahlen, Daten, Fakten und Eindrücke für meine Arbeit gesammelt, sondern gleichzeitig eine faszinierende Bergregion Tirols entdeckt. Schöner, denke ich, geht es kaum.

Werbung

Skiinfo Ski & Schneehöhen App

Werbung

Werbung