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Etappe 12 des Adlerwegs: Aus der Bergeinsamkeit in die Stadt

29. Mai 2012 | Peter Freiberger/bergleben.de

News Regionen: Österreich, Region Hall-Wattens, Tirol

Lichtspiele im Karwendel.

Lichtspiele im Karwendel.

Copyright: Tirol Werbung/Klaus Kranebitter
Quereinstieg. Ein „Schicksal“, das mich während der drei Jahre am Adlerweg verfolgen sollte. Heißt „übersetzt“: Wegen Schlechtwetter zwischen zwei Etappen aussteigen und dann wieder neu in den Adlerweg einsteigen. So musste ich mich zweimal zum Hallerangerhaus aufmachen. Gut Ding braucht Weile, könnte man sagen. Jedenfalls erlebte ich beim zweiten Anlauf beinahe ein (Wetter)wunder.

Mitte August, Samstag Nachmittag, Scharnitz, Tor zum Karwendel. Ich wandere gemächlich durch das Hinterautal zur Kastenalm. Dort hatte ich einige Tage zuvor die Königsetappe des Adlerwegs vom Karwendelhaus über die Birkkarspitze zum Hallerangerhaus abbrechen müssen. Das Wetter war zu schlecht geworden, die Wetterprognose grauenvoll, die Fortsetzung der Tour hinüber bzw. hinunter nach Innsbruck über das gefürchtete Stempeljoch praktisch unmöglich.

Mein zweiter Anlauf zum Hallerangerhaus

Obwohl mich auf meinem Weg von St. Johann nach St. Anton die Zeit drängt - spätestens Mitte September, bevor die Hütten schließen und der Schnee kommt, muss ich durch sein - genieße ich den neuerlichen Anlauf zum Hallerangerhaus. Dabei regnet es sogar leicht. Diese Tatsache versetzt mich vorerst freilich nicht in Depression, zumal es laut Vorhersagen am Tag darauf richtig schön sein soll. Ich bemühe mich daran zu glauben!

Im Hallerangerhaus, dem Startpunkt für die besonders reizvolle Etappe über Stempeljoch, Pfeishütte und Goetheweg hinaus zum Hafelekar, erwartet mich eine herzliche Begrüßung. Ich treffe meine „alten“ Bekannten Anni und Georg Seger wieder. Die beiden hatten vorher die Voldertalhütte geführt, nun hat es sie ins Karwendel verschlagen (Anm.: Inzwischen bewirtschaften sie die Bremer Hütte, die ebenfalls am Adlerweg liegt).

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Adlerweg Tirol - © Tirol Werbung/Klaus Kranebitter
Adlerweg Tirol - © Tirol Werbung/Klaus Kranebitter
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Meine Bekanntschaft mit vielen Wirtsleuten bietet gleich mehrere Vorteile: Neben einem sehr persönlichen Empfang genieße ich unter anderem fast überall das Privileg, in einem komfortablen Zweibettzimmer nächtigen zu können, in dem das zweite Bett in der Regel leer bleibt. Bei rund 30 beruflichen Hüttennächtigungen in einem einzigen Sommer betrachte ich das nicht als unverzeihliches (Journalisten-)Privileg sondern ganz einfach als unabdingbare Notwendigkeit.

Das (Einzel)zimmer ist rasch bezogen, ein leckeres Bier gezapft, das Abendessen mundet herrlich. Draußen hat der Regen allerdings trotz ganz anderslautender Prognosen nicht nachgelassen, sondern an Intensität gar zugenommen. Der Wirt versucht mich aufzumuntern, der Weitermarsch am nächsten Tag zum Hafelekar würde wohl gelingen. So schlafe ich dann doch optimistisch ein.

Der Regen raubt mir den Schlaf

Kein Schnarcher neben mir und trotzdem wache ich bald wieder auf. Der Regen scheint das Hüttendach beinahe wund zu trommeln. Das wird wieder nichts, denke ich und quäle mich halbwach bis zum Morgen. Um sechs Uhr früh ist freilich nicht einmal mehr an Halbschlaf zu denken - dem Regen sei „Dank“!

Missmutig und deprimiert sitze ich zwei Stunden später am Frühstückstisch. Das Hafelekar und mich trennen nicht nur einige Jöcher sondern auch dichte Wolken, Nebel und Regen. Nicht einmal einen Hund würde man heute vor die Tür jagen... Ich fühle mich endgültig chancenlos, mein Vorhaben zu verwirklichen.

Nach der dritten Tasse Kaffee wage ich mich doch vor das Haus. Seltsam - kann es sein, dass der Regen schwächer wurde? Ich mag es kaum glauben, es lässt sich aber nicht leugnen. Mag es auch sein, dass der Nebel da und dort ganz vorsichtig die Route freigibt? Tatsächlich! Das Wetter bessert sich schlagartig. Was während des Verzehrs von drei Tassen Kaffee alles passieren kann - in jedem Fall ein Wetterwunder!

Die (tiefe) Depression schlägt spontan um in Euphorie. 20 Minuten später strahlt die Sonne am Himmel, der sich jetzt beinahe überall zeigt. Ich bin perplex. Jetzt aber los!

Das Lafatscher Joch ist rasch erreicht, die Passage am Wilde-Bande-Steig, der die Hänge hinüber bis zum Einstieg zum Stempeljoch quert, erweist sich als abwechslungsreich und kurzweilig. Vor dem Stempeljoch hatten mich Anni und Georg allerdings gewarnt: „Stausteil, die Steiganlage meist von Lawinen in Mitleidenschaft gezogen und sehr mühsam zu begehen!“ Ich blicke zum Joch hinauf und verstehe die Bedenken der Wirtsleute.

Adlerflug zur Pfeishütte

Mühsam kämpfe ich mich Schritt für Schritt empor. Die Nässe des vorangegangenen Dauerregens macht die Route nicht einfacher. Immerhin scheint der schneearme Winter keine allzu starken Spuren am Steig hinterlassen zu haben. Geschafft! Jenseits blicke ich hinunter in grünes Almgelände, der „Adlerflug“ hinab zur nahen Pfeishütte entpuppt sich als einfach und kurz.

Da sitze ich jetzt in der Sonne vor dem stattlichen Schutzhaus und genieße ein köstliches Weizenbier. Vor wenigen Stunden hatte ich noch befürchtet, man würde zur Pfeis maximal schwimmen können. Dabei brauche ich nun dringend Sonnencreme. Wirklich kaum zu glauben.

Etwa zwei Stunden trennen mich jetzt vom (vorläufigen) Etappenende am Hafelekar direkt über der Alpenmetropole Innsbruck. Wahrscheinlich benötige ich aber etwas länger, denn ich muss ja ständig die Details der Route ins Diktiergerät sprechen, alle Besonderheiten, Höhepunkte, Attraktionspunkte, Naturschönheiten, kulturellen und historischen Aspekte erfassen - so sieht es das Konzept des Adlerwegs vor. Das dauert eben.

Immerhin: Verlaufen kann ich mich wohl nicht, dazu ist der Goetheweg, dem der Adlerweg nun folgt, zu gut markiert und versichert.

Lichtspiele im Karwendel.  - © Tirol Werbung/Klaus Kranebitter

Lichtspiele im Karwendel.

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Wieder etwas mühsam zieht der Steig empor zur Mandlscharte, mit 2.279 Metern der höchste Punkt der Etappe. Es folgt ein wundervolles Eintauchen in eine Karwendelwelt, die den Innsbruckern, die täglich zur Nordkette blicken, verwehrt bleibt. Man wandert nämlich zunächst entlang der Rückseite der Nordkette, ehe der Goetheweg dann doch auf deren Südseite leitet.

Ein gewaltiger Blick hinunter ins Inntal und nach Innsbruck versetzt mich an der Schnittstelle zwischen Vorder- und Rückseite des Gebirgszugs in Staunen. „Menschen mit Höhenangst sollten ab sofort nicht zu oft nach links hinab schauen“, erzähle ich meinem Diktafon. Wem Höhenangst zu schaffen macht, der hat auf dieser Etappe freilich ohnehin nichts verloren.

Traumpanorama beim Hafelekara

Ein unvergleichliches Panorama begleitet mich das letzte Stück zum Hafelekar mit der Bergstation der Seilbahn. Sie soll mich dann gleich zur Seegrube unterhalb, die Seegrubenbahn zur Hungerburg und die Hungerburgbahn ins „echte“ Etappenziel nach Innsbruck bringen.

Leider „streikt“ sie gerade. Irgendein technisches Problem. Auf dessen Behebung möchte ich nicht warten, deshalb nehme ich den Steig zur Seegrube. Dort steige ich dankbar in die Gondel ein und auf der Hungerburg um.

Im Stadtzentrum von Innsbruck strahlt die Sonne schließlich immer noch vom nach wie vor wolkenlosen Himmel. Der größte Optimist hätte sich das nicht träumen lassen.

Eckdaten Etappe 12 Hauptroute:


Gehzeit: rund 5 1/2 Std.
Höhenmeter: rund 1.050 Hm Aufstieg, rund 550 Hm Abstieg
Entfernungskilometer: 12 km (jeweil ohne Seilbahnfahrt)

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