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Themenspecial Klettersteig: Interview mit Klettersteigpapst Eugen E. Hüsler

14. März 2012 | bergleben.de

Themenspecial Klettersteig: Interview mit Klettersteigpapst Eugen E. Hüsler- ©Eugen Hüsler

Eugen Hüsler - der Klettersteigpapst in Aktion

Copyright: Eugen Hüsler

Der Schweizer Eugen Eduard Hüsler gilt gemeinhin als Klettersteigpapst und die Ikone des Klettersteigsports überhaupt. Der mittlerweile in Oberbayern lebende 67-Jährige hat weit über 60 Bücher über Klettersteige und das Wandern veröffentlicht und über 1000 Klettersteige unter seine Füße genommmen. Im Rahmen unseres Themenspecials "Klettersteige" stand uns Eugen für ein paar Fragen zur Verfügung.

bergleben.de: Hallo Eugen! 1843 soll am Hallstätter Gletscher der erste alpine Klettersteig der Alpen, wahrscheinlich sogar weltweit, entstanden sein. Was hast du über die Anfänge des Klettersteiggehens herausgefunden?
Eugen E. Hüsler: Mit "Geburtsstunden" ist das so eine Sache. 1492 wurde der Mont Aiguille in den französischen Alpen auf Geheiß des Königs mit Sturmleitern "erobert" - ein erster "mobiler" Klettersteig. Es gibt auch ein paar historische gesicherte Steige, z.B. die Albinenleitern im Wallis oder die manchmal halsbrecherisch angelegten Bisses (Waale). Der alte Gotthardweg führte in der Schöllenenschlucht über eine mit Ketten gesicherte Passage, den sogenannten "Stiebenden Steg". All diese Wege wurden aus wirtschaftlichen Gründen angelegt: für den Waren- oder Wassertransport, als Verbindung zwischen Siedlungen. Deshalb kann man den Randkluftsteig am Dachstein mit Baujahr 1843 durchaus als ersten Klettersteig bezeichnen, diente der doch lediglich einem touristischen Zweck: einen Alpengipfel leichter erreichbar zu machen.

Bilder & Videos

Eugen Hüsler - der Klettersteigpapst - © Eugen Hüsler
Eugen Hüsler - der Klettersteigpapst - © Eugen Hüsler
Eugen Hüsler - © Mountains2b-Redaktion
Eugen Hüsler im Ferrata Clap Varmost - © Eugen Hüsler

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bergleben.de: Wie entwickelte sich das Klettersteiggehen in den letzten 20 Jahren? Was sind die interessantesten Entwicklungen?
Eugen E. Hüsler: Die Entwicklung verlief sehr uneinheitlich. Zunächst gab´s einen Boom in Frankreich mit total übernagelten talnahen Sport- und Artistikrouten, dann wurde vor allem in Österreich auf Teufel komm raus gebaut: jedem Dorf sein Klettersteig. Manche Anlagen erinnern mehr an einen Hochseilgarten (Gemmi, Gosausee) als an einen alpinen Klettersteig klassischen Zuschnitts. Auch ein Trend zu immer schwierigeren Routen ist zu beobachten, in jüngster Zeit aber auch eine gegenteilige Entwicklung: wieder mehr Genuss- und Familienrouten.

bergleben.de: Heute sind Klettersteige Teil des Tourismus, es werden ständig neue, besserer, höhere, ausgesetztere Klettersteige gebaut. Wie bewertest du den Versuch der Regionen, die Berge auch für Nicht-Alpinisten zugänglich zu machen und so ganz neue Besucher anzulocken?
Eugen E. Hüsler: Um den Sommertourismus anzukurbeln, braucht man keine Extremrouten, sondern Klettersteige, bei denen neben dem sportlichen auch der landschaftliche Aspekt wichtig ist: Die Leute kommen auch der Natur, der Berge wegen in die Alpen.

bergleben.de: In einem Klettersteig ist man keineswegs gefahrlos unterwegs. Was sind deiner Meinung nach die größten Gefahren, mit denen man sich vor dem Einstieg und auf Tour auseinandersetzen sollte?
Eugen E. Hüsler: Selbstüberschätzung, schlechte Ausrüstung, Wetter und Steinschlag. Wer seine Grenzen kennt, gut ausgerüstet ist, die Wetterentwicklung beobachtet und den Helm rechtzeitig aufsetzt, kann das Risiko minimieren. Aber ganz ohne Gefahr ist keine Bergtour, so wenig wie die Fahrt ins Gebirge. Und ein Hauch von Abenteuer erhöht ja durchaus den Reiz, das wissen wir doch.

bergleben.de: Hattest du schon mal eine sehr gefährliche Situation, die du überstehen musstest?
Eugen E. Hüsler: Auf Klettersteigen nicht. Mehr als einmal hat mich allerdings ein Gewitter zu Tode erschreckt. Und am Schafreuter wäre ich um ein Haar von einem Steinbrocken erschlagen worden - am Wanderweg.

bergleben.de: In deinem Leben als Bergbegeisterter hast du wahrscheinlich mehr Klettersteige bewältigt, als jeder andere Mensch auf dieser Erde. Was fasziniert dich an dem Sport am meisten?
Eugen E. Hüsler: Übertreib bitte nicht. Ein Freund von mir war schon über 100mal am Monte Albano - da kann ich nicht mithalten. Mir ging’s auch nie darum, irgendwelche Rekorde aufzustellen, das besorgen schon die Klettersteigbauer - immer mehr, immer schwieriger. Natürlich gab’s eine gewisse Entwicklung: vom absoluten Fan zum Genießer und schließlich zum Chronisten, der die Augen vor Fehlentwicklungen nicht verschließt.

bergleben.de: Warum glaubst du, sind Vie Ferrate bei Alpenbesuchern so beliebt? Skeptiker würden sagen, Klettersteiggehen hat nichts mit Klettern oder Bergerlebnis zu tun, sondern kritisieren, dass „der Berg zum Sportgerät gemacht“ wird - wie du selbst in einem Spiegel-Interview 2006 ...
Eugen E. Hüsler: Aus Erfahrung weiß ich, dass es den Klettersteigler nicht gibt. Zwei Typen kann man aber durchaus erkennen: den „Eisenfresser“, dem es vor allem darum geht, sich mit den Schwierigkeiten einer Route zu messen, der alle Steige gemacht haben muss, und den Gourmet, der die Verbindung von Landschaftserlebnis, z.B. in den Dolomiten und sportlicher Herausforderung gleichermaßen genießt. Wer da den Berg eher als Sportgerät sieht, liegt wohl auf der Hand.

bergleben.de: Hast du einen Liebling unter den Klettersteigen, also einen Steig, ein Erlebnis oder eine Region, die dir am besten gefällt?
Eugen E. Hüsler: Im Frühling die Klettersteige am Gardasee/Che Guevara, im Sommer die Dolomiten, die sind immer noch das Klettersteigrevier. Im Herbst kein Eisen, sondern schöne Gratüberschreitungen und Sonnenwanderungen. Der Winter, nicht meine Lieblingszeit, kommt eh früh genug.

bergleben.de: Ohne deine hellseherischen Fähigkeiten bemühen zu wollen, aber: Wo geht es hin mit den Klettersteigen? Wird es bald dazu kommen, dass man auf einem Felsabsatz eines Klettersteiges einen Bratwurststand und Musikboxen vorfindet? Wie ist deine Vision von „Klettersteiggehen im Jahr 2025“?
Eugen E. Hüsler: 2025? Ich glaube nicht, dass Klettersteige so schnell aus der Alpinszene verschwinden werden, sehe aber durchaus Möglichkeiten für neue Parcoursarten: Nordwand-Prusiken am Drahtseil mit Spezial-Seilklemmen oder dergleichen. Ziemlich sicher bin ich mir allerdings, dass der Alpenoldie aus Zürich aus dem Jahrgang 1944 im Jahr 2025 Eisen höchstens noch im Spinat konsumieren wird - in homöopathischen Dosen. Schön wäre allerdings, wenn in gut zwanzig Jahren wieder das Naturerlebnis im Brennpunkt des Steigbaus stünde. Der Klettersteig als schönes Mittel zum Zweck. Klingt zwar etwas altmodisch, aber warum nicht?

bergleben.de: Wir danken dir für das Gespräch!

 

Hier geht´s weiter in der ersten Folge des Klettersteigspecials!!

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