„Wie ein großes Netz durchziehen Klettersteige in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden alle Tiroler Gebirgsketten“, wirbt die Tirol Werbung auf ihrer Website mit einem vielfältigen Angebot an Klettersteigen. Was vor wenigen Jahren als Sportart kaum bekannt geschweige denn verbreitet war, ist heute ein Zugpferd, auf das viele Tourismusregionen setzen. Klettersteiggehen ist in, Klettersteiggehen boomt. Gut abgesichert bewältigen auch Ottonormal-Bergsportler technisch einfache und je nach Schwierigkeitsgrad ohne sportliche Schwierigkeiten ausgestattete „Eisenwege“. Vie Ferrate sind DIE Möglichkeit, die Touristen zum und an den Berg zu bringen.

"Man muss klar sagen: Reines Bergwandern reicht vielen Menschen nicht mehr aus. Der Anspruch der Gäste wächst, deswegen müssen wir Erlebnisse schaffen", formulierte Johannes Burkhart von der Zugspitzbahn AG im Gespräch mit uns vor einiger Zeit. Zu diesen Erlebnissen zählen nicht nur spektakuläre Aussichtsplattformen oder Fahrgeschäfte wie die sogenannten Flying Foxes. Auch Klettersteige gehören dazu. Sie sind das lang gesuchte Mittelding zwischen Bergwandern und Klettern.

Dass die Erschließung der Alpen mit dem Bau von Hütten, Wegen und Klettersteigen im Grundsatzprogramm und im Leitbild des Deutschen Alpenvereins als abgeschlossen angesehen wird, gleichzeitig aber ständig neue Klettersteige entstehen, ist Fakt. "Eine neue Erschließungswelle in den Alpen darf es nicht geben! Der Deutsche Alpenverein wird deshalb die Entwicklung im bayerischen Alpenraum sehr genau beobachten und dabei seiner Verantwortung als Bergsport- und Naturschutzverband gerecht werden", so das Statement in einem Positionspapier der weltgrößten Bergsteigervereinigung. Das hört sich gut an. Ausnahmen werden aber vom DAV und vor allem vom ÖAV, die sich 2007 auf gemeinsame Kriterien zum Bau von Klettersteiganlagen verständigten, nicht ungern zugelassen. „Es gilt jedoch, das bestehende Netz zu bewahren, zu unterhalten und nachhaltig zu entwickeln“, liest man in eben diesem Kriterienkatalog. Auf dem Papier sind die Anforderungen ausreichend und umfangreich - im Alpenraum entstehen trotzdem in jedem Jahr 30 bis 40 neue Klettersteige.

Das Problem: Alpenvereine und Naturschutzverbände stehen auf der einen Seite, Tourismusregionen, Bergbahnbetreiber und schließlich Länder und Bundesländer auf der anderen. Gemeinsame und vor allem verbindliche Entscheidungen zum Umgang mit der Erschließung der Berge sind daher unumgänglich. Dass die Alpinvereine bei Klettersteigeinrichtungen konstruktiv mitwirken und ihre naturschützerischen und bergsteigerischen Interessen einbringen, wie es beim Bergforum „Klettersteige - Alpinismus auf dem Eisenweg?“ 2007 in München von Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz besprochen wurde, reicht allen Anschein nach nicht mehr aus.

Hört man sich bei Experten um oder klickt sich durch die Internet-Foren, sind die Meinungen meist klar formuliert. Auch Bergführer Korbinian Rieser und Klettersteigpapst Eugen Hüsler können die Erschließungswelle nicht ohne kritische Worte betrachten. Rieser ist dabei aber zwiegespalten: „Klettersteige sind im Moment ein Megatrend und wir als Bergführer leben ja auch zum Teil davon. Aber ich sehe das schon kritisch und bin kein Fan davon, dass überall neue Steige aus dem Boden schießen." Eugen Hüsler kennt die Probleme der Alpenregionen im Sommer ganz genau und weiß, wie neue Klettersteige aussehen sollten: "Um den Sommertourismus anzukurbeln, braucht man keine Extremrouten, sondern Klettersteige, bei denen neben dem sportlichen auch der landschaftliche Aspekt wichtig ist: Die Leute kommen auch der Natur, der Berge wegen in die Alpen." Das Klettersteige aber in Zukunft weiter eine große Rolle im Bergtourismus innehabe werden, davon geht Hüsler aus: "Ich glaube nicht, dass Klettersteige schnell aus der Alpinszene verschwinden werden." Und der Klettersteigpapst sieht sogar neue Entwicklungen aufziehen: "Ich sehe durchaus Möglichkeiten für neue Parcoursarten: Nordwand-Prusiken am Drahtseil mit Spezial-Seilklemmen oder dergleichen." Wird es dazu kommen? Wie werden die örtlichen Bergsportler reagieren, wenn "ihre" Wände mit Drahtseilen versehen werden?

Klar ist: Die Alpenvereine stehen in den kommenden Jahren vor einer Mammut-Aufgabe, wollen sie den Neubau von Klettersteigen und Berginstallationen eindämmen und kontrollieren. Erste Schritte wurden getan, die Umsetzung der erarbeiteten Kriterien wird von Fall zu Fall neu zu bewerten sein. Warum man das tun muss? Bergführer Korbinian Rieser bringt es auf den Punkt: "Ich denke, mittlerweile gibt es genug und dann muss man nicht durch unnötig viele Klettersteige die schönen Wände verschandeln.“

Sebastian Lindemeyer