Die Saison beginnt spät für die Klettersteiggeher im Jahr 2013. Noch bis in mittlere Lagen fand sich bis in den Juni hinein in manchen Alpenregionen Schnee, so dass zahlreiche Klettersteige erst spät begehbar waren. Dass die Zahl der Klettersteiggeher in diesem Jahr wahrscheinlich geringer ausfällt als in den letzten Jahren, liegt aber auch an einer tiefen Verunsicherung der Hobbysportler: Ende 2012 und Anfang 2013 wurden zwei große Rückrufaktionen von mehreren Klettersteigset-Herstellern gestartet, nachdem gravierende Mängel und von ihren Sets ausgehende lebensbedrohliche Gefahren entdeckt wurden. Betroffen waren viele Klettersteigsets mit elastischen Lastarmen und mit Reibungsbremsen. Wir haben drei der größten Hersteller von Klettersteigsets, Mammut, Edelrid und Salewa, sowie die Experten der DAV Sicherheitsforschung gefragt: Ist Klettersteiggehen noch sicher? Welche Sets waren von der Rückrufaktion betroffen? Wie hat man bei den Herstellern auf die Probleme reagiert? Und sind die betroffenen Prüf-Normen überarbeitet worden? Ein Überblick über die aktuelle Situation im Markt und an den Eisenwegen Europas.

Zwei Rückrufe - zwei Probleme

Bei den unterschiedlichen Rückrufaktionen von Klettersteigsets handelte es sich um zwei völlig unterschiedliche Probleme, die bei den lebenserhaltenden Produkten auftraten: Zum einen waren Sets mit elastischen Lastarmen betroffen, zum anderen Sets mit Reibungsbremse. Sophia Steinmüller von der DAV-Sicherheitsforschung erklärt die Problematik mit den elastischen Armen genauer: „Bei einer bestimmten Webkonstruktion, bei der die elastischen mit den tragenden, unelastischen Fasern verwebt sind, schwächt häufiges Dehnen die tragenden Fasern. Dieses Problem war zuvor nicht bekannt - im Neuzustand erfüllen auch die Sets mit diesen Lastarmen die Normanforderung!“

Das zweite Problem, dass Anfang 2013 zu einer noch umfangreicheren Rückrufaktion führte, betrifft Sets mit Reibungsbremse: „Das Problem dabei ist, dass das Seil altert, die Reibung in der Bremse ansteigt und somit auch der Fangstoß. Auf der anderen Seite nimmt die Endfestigkeit des Sets ab, weil das Bandmaterial altert. Beides ein normaler Vorgang bei Bandmaterial, der auch bekannt war. Jedoch wurde erst jetzt durch Tests von Mammut und der DAV Sicherheitsforschung bekannt, dass der Fangstoß mit zunehmender Alterung soweit ansteigen und die Endfestigkeit soweit abnehmen können, dass das Set im Falle eines Sturzes versagen kann“, erklärt Steinmüller.

Neue Normen für Klettersteigsets?

Nach den Rückrufaktionen zahlreicher Hersteller stellen sich für Klettersteiggeher, die ihr Set eventuell ausgetauscht haben, dies noch tun wollen, ihr altes weiter benutzen oder ein Neukauf anstreben, viele Fragen. Eine davon: Gibt es neue Normen für die Zulassung und Überprüfung von Klettersteigsets? Die Antwort lautet nein. Denn eine Normänderung dauert lange. Doch Hersteller wie Edelrid oder Mammut arbeiten zusammen mit den Norminstituten und der Sicherheitsforschung des Alpenvereins an einer Weiterentwicklung und Anpassung der aktuellen Normen. „Edelrid arbeitet seit Beginn der Bergsportnormung in Deutschland aktiv in dem Normungsausschuss für Bergsteigerausrüstung des Deutschen Instituts für Normung mit. Hier wird national und europäisch (CEN) mit weiteren interessierten Parteien, wie z.B. dem TÜV und der DAV Sicherheitsforschung, ständig an der Weiterentwicklung der Normen gearbeitet, unter anderem auch zum jetzigen Zeitpunkt an der Norm für Klettersteigsets. Diese Ergebnisse münden nach Abschluss in eine neue Fassung einer Norm, die nach Veröffentlichung die Regel der Technik darstellt“, erklärt Edelrid-Pressesprecherin Anke von Birckhahn. Harald Schreiber von Mammut bestätigt: „Man arbeitet derzeit an einer Normanpassung. Fakt ist: Es können keine neuen Richtwerte eingeführt werden solange die Norm für Klettersteigsets nicht geändert wird. Die für den Rückruf verantwortlichen Materialien werden jedoch nicht weiter eingesetzt. Zudem testet Mammut seit jeher fortlaufend die eigenen Sets, selbst wenn diese bereits auf dem Markt sind. So werden Erkenntnisse über den Langzeitgebrauch gewonnen. Es werden aber bereits zusätzliche Tests in der Entwicklung und bei der Zertifizierung bezüglich Ermüdung durchgeführt. Zudem pflegen wir eine sehr intensive Zusammenarbeit mit UIAA und CEN, aber auch mit anderen Herstellern, den Alpenvereinen und den Prüfinstituten direkt.“

Verbraucher sollten Informationsangebote nutzen

Das Problem: Solange es keine neuen Normen gibt, erhält jedes Set, das die alten, anscheinend nicht ausreichenden Normen erfüllt, ein entsprechendes Prüfzertifikat und kann im Handel frei verkauft werden. Nach Angaben der DAV Sicherheitsforschung wurden bisher nur Schnelländerungen an der UIAA Norm 128 vorgenommen und zusätzliche Anforderungen an die Endfestigkeit von Klettersteigsets beschlossen. Beim Neukauf eines Sets empfiehlt der DAV, auf jeden Fall ein Set mit Bandfalldämpfer (nicht mit Reibungsbremse) und mit UIAA-Label zu erwerben.

Solange die weiteren Normen auf deutscher, europäischer und weltweiter Ebene (ua. DIN, CE) nicht angepasst worden sind, müssen Verbraucher sich auf die Hersteller, die Hinweise der Alpenvereine und ihren gesunden Menschenverstand verlassen. Es gibt zwar noch eine Marktaufsichtsbehörde als letzte Überwachungsinstanz der Produktsicherheit, die im Ernstfall noch eingreifen könnte. Aber 100%ig gefeit vor weiteren Problemen mit sicherheitsrelevanten Produkten sind Klettersportler nie. Wie jedes andere Produkt auch, können Klettersteigsets oder andere Sicherheitsausrüstung Fehler haben oder durch Materialermüdung geschädigt werden - auch wenn alle involvierten Unternehmen und Institute anscheinend mit Hochdruck daran arbeiten, die Produkte noch sicherer zu machen.

Klettersteiggeher sollten sich vor dem Saisonstart aber die Fragen stellen, ob ihr Set von einem der Rückrufe betroffen ist, in welchem Zustand ihr Set ist und ob es altersbedingt besser ausgetauscht werden sollte. Egon Resch, General Manager Technische Hartware von Salewa, setzt wie die anderen Hersteller nicht nur auf eine Verbesserung der Produkte, sondern auf ganzheitliche Aufklärung: „Wir gehen die Thematik ganzheitlich an, indem wir mit Bergführern, Athleten und Institutionen stark vernetzt zusammenarbeiten. Der Erfahrungsaustausch ist hierbei besonders wertvoll. Zudem setzen wir insbesondere auf die passive Sicherheit, das bedeutet, dass wir unsere Neuentwicklungen danach auslegen, dass sie nicht nur im Falle eines Sturzes das Schlimmste verhindern, sondern so, dass es möglichst erst gar nicht zum Sturz kommt.“ Salewa setzt dabei zum Beispiel auf den Ergotec Karabiner, seit dem Frühjahr 2013 im Handel, der noch leichter und schneller zu bedienen sein soll. Auch das Zip-System, ein Aufrollmechanismus, der ein durchgehendes, statisches Band auf kurzer Distanz zum Körper hält, ist Teil dieser Strategie. Aber auch andere Hersteller gehen in diese Richtung der Materialentwicklung.

Klar ist: Ein Klettersteigset sollte nur im allerhöchsten Notfall tatsächlich zum Einsatz kommen. Wer in einem Klettersteig stürzt und das Set voll belasten muss, der hat schon bei der Tourenplanung Fehler begangen oder sein Können einfach falsch eingeschätzt. Viele Hinweise zur Planung und Durchführung von Klettersteigtouren findet ihr in unserem Themenspecial Klettersteiggehen.

Alle drei befragten Hersteller bieten umfangreiche Informationsangebote für verunsicherte Kunden. “Mammut gibt im Know-How Bereich auf der Website Hinweise, wie die Lebensdauer von Seilen und anderen Produkten optimiert werden kann. Zudem finden sich dort Empfehlungen, wann Produkte ausgetauscht werden sollten. Bei Klettersteigsets empfehlen wir zum Beispiel einen Austausch nach spätestens sieben Jahren.“ Anke von Birckhahn von Edelrid erklärt, wie sich Besitzer von Edelrid-Produkten informieren können: „Auf dem Hangtag jedes gekauften Produkts stehen die Gebrauchsanleitungen. So sind beispielsweise Nutzungsdauer, Pflegehinweise etc. für das spezifische Produkt beschrieben. Diese GALs sind ebenso einzusehen wie auf der Homepage herunterzuladen.“ Wichtig für Klettersteiggeher: Die unterschiedlichen Hersteller geben eine unterschiedliche lange Nutzungsdauer für ihre Sets an. Informationen über die von den Rückrufen betroffenen Sets findet ihr unten bei den Linktipps in den Rückrufen der Hersteller oder in der Liste des Deutschen Alpenvereins.

Checklist für Klettersteiggeher - das kann ich jetzt tun:

1. Prüfen, ob mein Klettersteigset von einem der Rückrufe betroffen ist und es ggf. einschicken beziehungsweise vom Händler austauschen lassen
2. Mich über die angegebene Nutzungsdauer/Lebensdauer meines Sets informieren und es auf Beschädigungen & Abnutzungen überprüfen. Bei Zweifeln: Austauschen!
3. Vor einem Kauf eines Sets vom Fachändler beraten lassen
4. Noch mehr denn je gilt: Stürze in Klettersteigen sollten vermieden werden! Bei Bedarf kann und soll mit einem zusätzlichen Seil gesichert werden. Touren so planen, dass die Schwierigkeiten, Zeitaufwand usw. auf jeden Fall bewältigt werden können.

Linktipps:

- Rückruf-Liste Klettersteigsets: Angabe zu betroffenen Produkten bei den Rückrufen „Elastische Lastarme“ und “Reibungsbremse“ sowie Angabe zur allgemeinen Lebensdauer von Klettersteigsets der Hersteller
- http://www.mammut.ch/de/ropes_handling_lifespan.html
- http://www.edelrid.de/sports/download/gals/gals.html
- Rückruf von Salewa
- Rückruf von Edelrid
- Rückruf von Mammut - Reibungsbremse
- Rückruf von Mammut - Elastarm