Dr. Karl Flock hat die sieben höchsten Gipfel der Kontinente erfolgreich bestiegen. Im Jahr 2007 scheiterte der Weilheimer Orthopäde am Mount McKinley (6.195 Meter), als er wetterbedingt den Berg wieder verlassen musste. Im Mai 2008 startete der 54-Jährige erneut nach Alaska und erfüllte sich seinen Lebenstraum - als dritter Deutscher die Seven Summits zu bezwingen. bergleben.de sprach mit dem passionierten Bergsteiger im Interview, dass wir kurz vor seinem letzten Seven Summits Gipfel mit ihm führten, über die Leidenschaft Höhenbergsteigen und den Mount McKinley!

Aktuell: Dr. Flock hat den Mount McKinley bezwungen, lest hier mehr dazu.

Herr Flock, vielen Dank, dass Sie sich in Ihrer knappen freien Zeit für ein Interview zur Verfügung gestellt haben. Als Einstiegsfrage: Wie fühlen Sie sich, wie ist Ihr Fitnesszustand?
Dr. Karl Flock: Im Moment befinde ich mich ja in der direkten Vorbereitung für den letzten Gipfel der so genannten Seven Summits, den Mount McKinley. Mein Fitness- und Vorbereitungszustand ist gut, wobei es erst jetzt in die richtig intensive Phase geht. Das heißt, dass am Wochenende Skitouren im bayrischen Neuschnee und Klettertouren anstehen, während der Woche neben der Arbeit viel Kraft- und Ausdauertraining. Und vor dem Expeditionsstart geht es dann zur Vorakklimatisation für einige Tage auf 4.000 Meter in die Schweiz.

Sie wollen Mitte Mai nach Nordamerika starten und den Denali, den Mount McKinley, besteigen, an dem Sie im vergangenen Jahr gescheitert sind. Damit wären Sie erst der dritte Deutsche, der alle "Seven Summits" bewältigt hat. Was ist das Schwierige am McKinley und was schürt Ihre Hoffnung, dass dieser Versuch gelingen wird?
Die Schwierigkeit am Mount McKinley ist zum einen die Kälte - er gilt als einer der kältesten Berge der Welt. Das zweite Problem ist die Unbeständigkeit des Wetters. Die plötzlichen Wetterwechsel können einen am Berg sehr belasten, trotz guter Vorhersagen und Sonnenschein kann nach einer Stunde ein Schneechaos und Sturm herrschen.

Ist das auch die Ursache Ihres Expeditionsabbruches vor einem Jahr gewesen?
Im vergangenen Jahr war es eindeutig ein wetterbedingtes Scheitern. Wir waren sehr gut vorbereitet und es lief bis zu einer Höhe von etwa 5000 Metern perfekt. Und dann hätten wir noch eineinhalb Tage schönes Wetter benötigt. Eingetreten ist aber genau das Gegenteil, Schneefall en masse und Stürme von 120 km/h haben oben am Denali-Pass zu einer enormen Lawinengefahr geführt. Das Risiko war einfach zu groß, also haben wir uns gemeinsam entschlossen, den Berg zu verlassen.

Für Sie persönlich war es aber bestimmt eine herbe Enttäuschung?
Es war eine harte Entscheidung, aber bei solchen Touren darf man kein unnötiges Risiko eingehen und muss der Sicherheit absoluten Vorrang geben. Ich habe zuvor schon das Glück gehabt, dass alle anderen Gipfel der Seven Summits auf Anhieb geglückt sind, auch der Everest. Da war es für mich jetzt keine schwer zu verkraftende Niederlage am Denali.

Sie fahren, anders als beim letzten Mal, mit einem kleinen Team auf eigene Faust und ohne Unterstützung von Ortsansässigen. Warum?
Ja, das ist richtig. Wir werden bei diesem Mal auf amerikanische Begleiter verzichten, da wir beim letzten Versuch gemerkt haben, dass diese zum Teil andere Vorstellungen als wir haben. Das ging schon im unteren Teil los, wo sie mit Schneeschuhen gegangen sind und wir uns mit Skiern fortbewegen wollten. Es waren einige Entscheidungen, die wir in unserem Verständnis von Alpinismus und Bergsteigen anders getroffen hätten. Also haben wir uns entschlossen, eine vollständig eigene Expedition auf die Beine zu stellen - ohne Expeditionsunternehmen und amerikanischen Bergführer. So können wir unsere eigenen Entscheidungen treffen. Zudem wollen wir uns besser vorakklimatisieren.
Der Zeitplan sieht so aus, dass wir, wenn wir angekommen sind, noch ein bis zwei Tage vor Ort für die Erledigung von organisatorischen Dingen haben und anschließend zum Basislager aufbrechen. Dort angekommen sollte es innerhalb von 20 Tagen klappen, den Gipfel zu erreichen. Wenn es aufgrund des Wetters oder anderer Umstände beim ersten Versuch nicht funktioniert, hat man auf jeden Fall einmal die Möglichkeit, zum Basislager zurückzukehren und zu regenerieren. Aber nach drei Wochen sollte das Ziel eigentlich erreicht sein...

Eine Frage zu den Anfängen Ihrer Bergsteigerkarriere. Wie sind Sie zum Höhenbergsteigen gekommen? Und wann haben Sie sich zum Ziel gesetzt, als dritter Deutscher die Seven Summits zu bewältigen?
Schon als Kind bin ich mit meinen Eltern oft zum Skifahren oder Bergsteigen gegangen, das waren die Anfänge. Die Faszination Höhenbergsteigen hat sich dann später, in meiner Studentenzeit, in der ich drei Monate in Südamerika war und dort einige Sechstausender gemacht habe, so langsam entwickelt. Die erste große Expedition war am Mount Vinson in der Antarktis, wo ich Mitglied eines Forschungsteams war, das dort verschiedene Projekte durchgeführt hat. Zuvor stand ich allerdings auch schon auf dem Gipfel des Kilimanjaros. Und so trifft man mit der Zeit immer mehr Leute, die die anderen Gipfel der Seven Summits kennen, die am Aconcagua waren, die am Everest waren. So hat sich auch bei mir langsam die Idee entwickelt, diese höchsten Berge der Kontinente anzugehen. Richtig entschieden, dass ich die anderen auch machen will, habe ich mich aber erst im Jahr 2004 am Aconcagua.

Der Everest, das Dach der Welt, ist für viele Bezwinger der Seven Summits der letzte abzuhakende Berg gewesen. Wann haben Sie ihn bezwungen und haben sie dort etwas erlebt, was Sie geprägt hat?
Also zunächst einmal stand ich genau am 18. Mai 2006 um 6.41 Uhr bei Traumwetter auf dem Gipfel des Mount Everests. Dieses Erlebnis, auf dem Dach der Welt zu stehen und es geschafft zu haben, das ist einfach phänomenal. Mir wurde erst später bewusst, was ich da geleistet habe. Dieser Berg ist einfach der Berg. Er fordert einem alles ab und saugt einem die letzte Kraft aus dem Körper. Das ist schon ein Erlebnis für sich, was einen prägt.

Jeder Berg der Seven Summits hat seine eigene Geschichte, seine eigenen Reize. Wenn Sie alle sechs bisher Revue passieren lassen und mit einem Wort beschreiben sollten, welche Beschreibungen würden Sie wählen?
Da würde ich den Mount Vinson als das "Juwel" der Seven Summits bezeichnen. Der Kibo (Kilimanjaro, Anm. d. R.)ist für mich der "Einfachste" der sieben Gipfel. Der Aconcagua ist meiner Meinung nach der am häufigsten "Unterschätzte" Summit, der kann brutal zuschlagen. Die Carstensz-Pyramide würde ich auf jeden Fall als den "Schwierigsten" bezeichnen. Dies nicht nur wettertechnisch, sondern die Carstensz-Pyramide ist auch der "schwerst zu Erreichende". Wir benötigten 14 Flüge, um überhaupt an diesen abgelegenen Berg in Indonesien zu kommen. Der Everest ist natürlich der am absolut meisten "Fordernde". Fehlt nur noch der Elbrus. Der Elbrus ist eigentlich der "Schnellste", man kann kurz hinfliegen, es gibt keine Zeitverschiebung. Was aber nicht heißen soll, dass man diesen Berg unterschätzen soll, es gab schon viele Tote am Elbrus, so auch im Jahr 2006.

Die Faszination des Höhenbergsteigens ist für viele Menschen nicht nachvollziehbar. Entbehrungen, Kälte, Sauerstoffmangel, sogar der Tod gehört dort oben zum Tagesgeschäft. Wie erklären Sie sich, dass es trotzdem zu einer Art Höhentourismus gekommen ist?
Ich tue mich mit dem Wort Höhentourismus schwer. Wer am Everest ist, der muss erst einmal selbst hochsteigen, da kann niemand einem die Arbeit abnehmen. Das sollte man nicht vergessen. Zudem ist auf den Gesamttourismus betrachtet die Bergsteigerriege immer noch sehr klein. Dennoch ermöglichen besseres Material und organisierte Expeditionsunternehmen mehr Bergsteigern das Höhenbergsteigen.

Aber wenn man jetzt seinen Blick auf das Everest Basecamp richtet, sieht man da wahrscheinlich eine Anzahl von Expeditionen, die vor 30 oder 20 Jahren undenkbar gewesen wäre...?
Ich denke, aber das kann ich nur aus meiner Sicht beurteilen, dass da der Leistungsgedanke eine zentrale Rolle spielt, für den man eben auch bestimmte Entbehrungen auf sich nimmt. Auf der anderen Seite hat es natürlich etwas Reizvolles, so etwas zu können, zu machen und dann auch zu schaffen. Es ist eine sehr komplexe Sache, gerade am Everest. Da spielen so viele Faktoren eine Rolle - neben der Höhe als Killer Nr. 1. Man muss jedes kleine Detail beachten und kontrollieren, denn es könnte den Erfolg am Berg kosten oder eventuell sogar das Leben bedrohen. Es ist eben eine enorme Herausforderung, der ich mich aber stellen will. Für mich persönlich ist das von zuhause weg und von der Familie über Wochen getrennt zu sein auch eine "psychische Belastung". Insgesamt ist eine lang dauernde Expedition in der Abgeschiedenheit vom Alltagsleben und in der Auseinandersetzung mit dem Berg, den Naturgewalten wie eine "physische und psychische Reinigung". Man kehrt dabei zu den wesentlichen Dingen zurück und lernt anderes wieder schätzen.

Auf Mountains2b wird es in den nächsten Wochen ein Themenspecial zur Höhenkrankheit geben. Können Sie kurz zusammenfassen, wie man das Auftreten eine akuten Höhenkrankheit, eines Hirn- oder Lungenödems am Berg vermeiden kann?
Über den Umgang mit der Höhe und der Höhenkrankheit halte ich ab und zu Vorträge und bin daher an der Thematik auch sehr interessiert. Von der Höhenkrankheit betroffen war ich selber allerdings noch nicht. Ich kenne natürlich, gerade aus meinen Anfängen in Südamerika, Kopfschmerzen bis zum Anschlag, die man bekommt, wenn man zu schnell aufsteigt. Mittlerweile sorge ich aber gut vor und wende auch die richtige Höhentaktik an, das ist das absolut Entscheidende. Das hat sogar dazu geführt, dass ich am Mount Everest nicht einmal Kopfschmerzen hatte. Es ist also möglich, wenn man die richtige Aufstiegstaktik wählt und sich an die zehn Regeln zur körperlichen Anpassung hält, sich gut auf die Höhe einzustellen und der Höhenkrankheit zu entgehen.

Welche Symptome der Höhenkrankheit gilt es zu beachten, welche Signale sendet der Körper aus?
Ab 2500 Metern Höhe muss man sich an die Höhe anpassen, sonst kann die akute Höhenkrankheit auftreten. In der Regel geht es los mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwäche und Schlafstörungen. Man muss dann unterscheiden zwischen der akuten Bergkrankheit, dem Höhenlungenödem und dem Höhenhirnödem. Die Symptome der akuten Bergkrankheit habe ich gerade zum Teil genannt. Ein Höhenhirnödem entwickelt sich ähnlich, führt des Weiteren zu starkem Leistungsabfall, Koordinationsstörungen, Trittunsicherheit bis hin zu geistiger Abwesenheit. Ein Höhenlungenödem äußert sich mit Atemnot, Röchelhusten oder einem Lungenpfeifen beim Atmen und führt natürlich auch zu starkem Leistungsabfall, Schrittverlangsamung. Die Höhenkrankheit ist sehr gefährlich, auch weil sie oftmals zu spät erkannt wird und sich die Bergsteiger falsch einschätzen.

Eine letzte Frage. Haben Sie ein Geheimrezept, wie Sie sich in der Höhe verhalten, um die Anstrengung zu bewältigen? Etwa eine spezielle Atemtechnik oder Ähnliches?
Mit das Wichtigste ist das ganz bewusste Atmen! Dann muss man unglaublich viel trinken, um den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen. Wenn sie am Mount Everest zum Beispiel am Lager auf 7500 Metern in der Lhotse-Flanke ankommen, fertig sind und eigentlich nur noch ins Zelt wollen und sich hinlegen, dann ist das das Schlimmste, was sie machen können. Wenn sie das machen, sind sie am nächsten Tag zumindest höhenkrank oder mehr. Auch wenn man noch so kaputt ist, gibt es nur eines: Kocher an, Schnee und Eis schmelzen und trinken, trinken, trinken! Die üblichen zwei bis drei Liter reichen im Hochgebirge nicht aus, da müssen es schon fünf bis sechs Liter sein. Wenn man das einhält, richtig und bewusst zu atmen und soviel zu trinken, wie es geht und sich richtig akklimatisiert, dann hat man gute Chancen.

Herr Dr. Flock, ich danke Ihnen vielmals für das interessante Gespräch und wünsche Ihnen alles Gute für die Besteigung des Mount McKinleys.
Vielen Dank!