In der zweiten Folge unseres Themenspecials "Höhenkrankheit & Höhentraining" geht es um das Verhalten beim Höhenbergsteigen und auf Höhentouren. In der ersten Folge behandelten wir die Gefahren, die in sauerstoffarmer Luft über 2500 Metern Höhe drohen. Nun erklärt bergleben.de, wie ihr euch bei einer Höhentour akklimatisiert, welche Reaktion nach dem Auftreten von Symptomen der Höhenkrankheit angebracht ist und wie ihr euch am Berg optimal schützen könnt.

Gefahr des schnellen Aufstiegs

Beim Höhenbergsteigen oder bei Klettertouren im alpinen Hochgebirge können durch fehlerhaftes Verhalten die in Folge 1 beschriebenen Symptome auftreten. Die Hauptursache liegt in einer zu kurzen Anpassungsphase und einem zu schnellen Aufstieg in große Höhen. Erste Symptome wie Schwindel oder Kopfschmerzen können bereits in niedrigen Höhen auftreten: zum Beispiel wenn ihr mit dem Auto oder der Gondel zu schnell viele Höhenmeter überwindet. Dies könnt ihr bei einer Eintagestour aber durch langsames Aufsteigen und der maximalen Überwindung von 1500 Höhenmetern verhindern. Bei Mehrtagestouren in größere Höhen, zum Beispiel am Kilimanjaro (Tansania, 5.895 Meter), Aconcagua (Argentinien, 6.962 Meter) oder gar auf einen der 8000er im Himalaya oder Karakorum reicht dieses hingegen nicht aus.

Akklimatisation beim Höhenbergsteigen
Um die akute Höhenkrankheit, ein Höhenhirn- oder Höhenlungenödem bei solchen Touren zu vermeiden, müssen einige Regeln beachtet werden. Ab 2500 Meter Höhe sollte eine konsequente Höhentaktik verfolgt werden. Wie bereits angedeutet, ist das Kriterium für die Höhenanpassung der Zeitfaktor - also in welcher Geschwindigkeit man eine bestimmte Höhe überwindet. Akklimatisation ist ein stetiger Prozess: ist man einmal an eine bestimmte Höhe akklimatisiert und steigt höher, beginnt der Prozess neu. Auf folgende sich auf die Anpassung auswirkende Faktoren, soll hier kurz eingegangen werden:

1. Schlafhöhe
2. Bewusste Hyperventilation
3. Flüssigkeitszufuhr

Hoch steigen, tief schlafen
Auf einer Expedition ist es die Regel, dass man nicht jeden Tag in neue Höhen aufsteigt und dort verweilt, sondern nach einem Aufstieg zunächst wieder ein Stück absteigt. Steigt man kontinuirlich auf, sollten die täglichen Schlafhöhenunterschiede nicht größer als 500 bis 600 Meter sein, damit sich der Körper auf den geringeren Luftdruck einstellen kann. Als Grundregel gilt: Pro 1000 Meter solltet ihr zwei Nächte auf einer Höhe schlafen. Vorsicht: Schnelles Gehen und hohe Tragelasten wirken sich negativ auf die Akklimatisation auf! Das individuelle Leistungsvermögen sollte in der Phase der Anpassung nicht mehr als 60% ausgeschöpft sein.

"Ab der Höhe von 1500 Metern nimmt das körperliche Leistungsvermögen pro 100 Höhenmeter um ein Prozent ab" (Prof. Dr. Klaus Mees im Interview mit bergleben.de)

Bewusste Hyperventilation

Durch Hyperventilation (kurzes, schnelles Atmen) lässt sich mehr Sauerstoff aus der Luft schöpfen, beziehungsweise der Gasaustausch in der Lunge verbessern. Im Gegensatz zur Hyperventilation auf Meereshöhe treten in der Höhe keine Schwindelgefühle auf.

Flüssigkeitszufuhr

In der Höhe ist eine vermehrte Flüssigkeitszufuhr Pflicht, allerdings kann sie die Akklimatisation nicht fördern. Flüssigkeitsmangel wirkt sich auf die Leistungsfähigkeit aus, insbesondere wenn es zu einer Blutplasmaverdickung kommt. Tipp von Everest-Bewzinger Dr. Karl Flock im Interview: "Die üblichen zwei bis drei Liter Flüssigkeitsaufnahme reichen im Hochgebirge nicht aus, da müssen es schon fünf bis sechs Liter sein."

Zeichen einer erfolgreichen Höhenanpassung
Ob man sich richtig und ausreichend angepasst hat, stellt man erst mit absoluter Sicherheit fest, wenn man sich in die angestrebten Höhen begibt. Jedoch gibt es gut zu beobachtende Zeichen, die es zu prüfen gilt:

- ein lediglich leicht erhöhter oder dem Normalwert entsprechender Ruhepuls ist wichtigster Indikator für die erfolgreiche Akklimatisation. Allerdings kann der Schein trügen: der Ruhepuls kann auch durch andere Faktoren beeinflusst werden (Überanstrengung, äußere Einflüsse, Krankheiten, oä.)!
- eine vertiefte Atmung in Ruhe und unter Belastung ist positiv
- dem Trainingszustand entspechende Ausdauerleistungsfähigkeit
- kein verminderter Harndrang (vermehrtes urinieren/Höhendiurese)

Taktisches Verhalten bei einer Höhentour

Bestimmte Prinzipien sollten bei einer Tour in besonders große Höhen (7000 Meter und mehr) von Bergsteigern beachtet werden. So ist nach Erreichen des Basislagers eine mehrtägige Ruhephase erforderlich, um den Körper nicht zu Beginn zu überfordern. Vom Basislager wird in Etappen höher gestiegen, um Lager aufzubauen und langsam an Höhe zu gewinnen. Wichtig: Ihr solltet nicht mehr als 1000 Meter über die Schlafhöhe hinaussteigen und frühestens nach zweimaligen Zurückkehren zum Basislager eine Nacht im ersten Höhenlager verbringen.
Erkrankungen und schlechtes Wetter sind Gründe, ein Höhenlager zu verlassen. Selbst kleine Entzündungen sind in der Höhe gefährlich, da die Regenerationsfähigkeit stark eingeschränkt ist. Sitzt man Schneestürme oder schlechte Sicht in einem Höhenlager aus, setzt man sich gleich vier Gefahren aus:
- Hypoxie (Sauerstoffmangel)
- Hypothermie (Unterkühlung)
- Hypoglykämie (Kohlenhydratmangel)
- Hypohydration (Flüssigkeitsmangel)

Um den Gipfel eines Achttausenders angehen zu können, solltet ihr die etappenweise Anpassung mindestens bis in die Höhe von 7500 Meter vorangetreiben. Nach dem Gipfelversuch wird möglichst tief abgestiegen, auf jeden Fall bis zum Basislager, besser noch tiefer. Ein erneuter Versuch ist nicht ohne eine mehrtägige Pause zu empfehlen: Zunächst muss der Energie- und Flüssigkeitshaushalt ausgeglichen werden!

In der dritten Folge unseres Themenspecials machen wir einen Sprung zu einer anderen, die Höhe betreffende, Thematik. Dann geht es um Höhentraining und dessen Bezug zu Höhentouren.

Quellen:

- Berghold/Schaffert: Handbuch der Trekkings- und Expeditionsmedizin, 6. Aufl, 2004
- Mees, Prof. Dr. Klaus: Höhenanpassung, Nachauflage, 2008, Bruckmann-Verlag
- www.ukaachen.de
- www.trekkingchile.com
- www.hauser-exkursionen.de