In der vierten Folge unseres Höhenspecials berichten einige der besten Höhenbergsteiger der Welt von ihren Erfahrungen mit der Höhenkrankheit. Wir haben Experten gefunden, denen wir einheitlich die folgenden drei Fragen gestellt haben:

1. Sind Sie selbst schon einmal von der akuten Höhenkrankheit oder einem Ödem betroffen gewesen? Wenn ja, welche Erfahrungen haben Sie im Umgang mit der Gefahr gemacht?

2. Welche Symptome der Höhenkrankheit gilt es zu beachten, welche Signale sendet der Körper aus?

3. Haben Sie ein Geheimrezept, wie Sie sich in der Höhe verhalten, um die Anstrengung zu bewältigen? Etwa eine spezielle Atemtechnik? Oder machen Sie bei jedem achten Schritt eine kurze Pause? Zählen Sie die Steine am Wegesrand, um sich abzulenken?


Hier lest ihr, was unsere Experten antworteten!

Martin Göggelmann, Höhenbergsteiger

Martin Göggelmann ist seit einem Jahrzehnt Expeditionsleiter bei Amical Alpin. Der begeisterte Outdoorsportler hält Vorträge zum Thema Höhenbergsteigen und hat bereits vier Achttausender und drei Siebentausender erfolgreich bestiegen.

Göggelmann zu den bergleben-Fragen:

1. "Die Antwort lautet bei der Höhenkrankheit nein. Während meinen ganzen Expeditionen, Trekking-Touren, Alpen-Touren habe ich noch nie Medikamente genommen, welche in Zusammenhang mit der Höhe, Akklimatisierung stehen. Mit der Zeit weiß man, wie der Körper reagiert und man muss darauf hören. Alle Bergsteiger, die Medikamente bzw. Sauerstoff verwenden, betreiben aktives Doping. Jeder Bergsteiger sollte bei seinen Unternehmungen bei der Wahrheit bleiben und sich nicht mit Rekorden schmücken, welche auf solche Art und Weise zustande kommen. Man muss auch ganz klar sagen, dass ohne die Unterstützung von Trägern und Sherpas nur ein Bruchteil der Bergsteiger die Gipfel der hohen Berge erreichen würde. Ich denke, dass jeder Höhenbergsteiger schon Ödeme gehabt hat, mehr oder weniger ausgeprägt. Dann muss man eben vernünftig sein, zum Beispiel absteigen, mehr Essen und mehr Trinken.

2. "Ich denke man braucht zu dieser Frage nicht viel zu sagen, es gibt genügend Literatur über das Höhenbergsteigen/Höhenkrankheiten, in der jeder Bergsteiger die notwendigen Informationen herbekommt, um die Symptome rechtzeitig zu erkennen und auch zu behandeln. Des weiteren sollte bei jeder Expedition auch ein Arzt dabei sein und die notwendige medizinische Ausrüstung, jedoch ist dies oft nicht der Fall. Fehlender Notfallsauerstoff in den Hochlagern, kein Certec-Bag, nicht genügend oder falsche Medikamente, fehlende Logistik wie Sat-Telefon, Hubschrauber oder ähnliches sind an der Tagesordnung. Schon oft musste ich privaten Expeditonen aushelfen oder bin Schnorrern begegnet, die in den Hochlager die Vorräte plündern, Fixseile benutzen und fremde Zelte belagern. Viele Bergsteiger sind sich den Gefahren gar nicht bewusst, für sie zählt nur der Gipfel, koste es was es wolle - erfrorene Finger, Zehen oder aber auch den Tod. Auch den Tod anderer, insbesondere von Trägern, Sherpas und auch Führer nehmen sie in Kauf."

3. "Ein Geheimrezept gibt es nicht. Ich denke für das Höhenbergsteigen ist es wichtig, dass man das Bergsteigen von der Pike auf gelernt hat. Ich vergleiche es immer mit dem Erklimmen einer Leiter, man muss jede Sprosse nehmen und nicht zwei oder drei auf einmal. Man kann nicht einfach hergehen und sagen "ich habe vor drei Jahren den Kilimanjaro gemacht, danach den Aconcagua und dann soll es ein 8000er sein". Dies sind Aussagen von Teilnehmern. Jeder gute Höhenbergsteiger hat mit dem Felsklettern angefangen sich dann an die hohen Wände in den Dolomiten herangetastet, dann die schwierigen Touren in den Westalpen, erst danach ist man in die weite Welt gezogen zu den hohen Bergen. Heute ist das bei den kommerziellen Touren nicht der Fall. Des weiteren muss man für das Höhenbergsteigen geboren sein, entweder man hat die körperlichen und mentalen Voraussetzungen oder nicht."

Diego Wellig, Bergführer und erster Schweizer auf den Seven Summits

Diego Wellig ist 46 Jahre alt und stand als erster Schweizer auf den "Seven Summits". Zudem hat er insgesamt sechs Achttausender bewältigt. Der Schweizer führt im Sommer Bergtouren und ist im Winter Leiter der Schneesportschule Belalp. Er ist Vater von zwei Kindern.

Wellig zu den bergleben-Fragen:

1. "Nein ich hatte bis jetzt noch nie ein Höhenödem. Gott sei Dank."

2. "Ich schau immer auf den Appetit und das Gedächtnis. (Kann ich mir meinen bekannten Telefonnummer immer wieder aufsagen?). Signale sind sicher ein schlechter Appetit, Müdigkeit, Kopfweh und so weiter. Es gibt sehr viel Literatur über die Höhenkrankheit von kompetenten Ärzten."

3. "Wichtig ist sicher eine gute Kondition und immer viel trinken, nicht zu schnell in die Höhe gehen und vor allem, wenn man in der Höhe bleibt, nicht mehr als 300-500 Meter höher schlafen als am Vortag. Auch bin ich der Meinung, dass man die Essgewohnheiten von zu Hause nicht verändern sollte."

Walter Hölzler, Sportkletterer

Walter Hölzler ist Sportkletterer und staatlich geprüfter Berg- und Skiführer. Der 43-Jährige kann zahlreiche spektakuläre On-Sight und Rotpunktbegehungen vorweisen. 2004 gelang ihm die Erstbegehung des direkten Südwestpfeilers am 6454m hohen Bhagirathi III in Indien.

Hölzler zu den bergleben-Fragen:

1. "Ja, ich war schon zweimal akut höhenkrank mit Anzeichen eines Lüngenödems. Das erste Mal bei meiner ersten Achttausender-Expedition mit 22 Jahren in Tibet. Ich wurde im Basislager auf 5200 schwer höhenkrank. Das zweite Mal bei meiner Bhagirathi Expedition 2004. Ich wurde akut höhenkrank, ebenfalls im Basislager auf 4000 Meter. Beides mal bin ich zu schnell angegangen, habe mich während des Anmarsches abends erkältet und bekam nachts zusätzlich die Symptome eines Höhenlungenödems. Höhenkrankheit bezieht sich nicht nur auf die Eisregionen über 5000 Meter, sondern beginnt schon viel früher. Gerade beim Start einer Expedition ist man extrem motiviert, will endlich loslaufen, sich testen und schnellstmöglich auf den Berg seiner Träume. Dazu kommen die ungewohnten Klimaverhältnisse der asiatischen Länder, die Nahrungsumstellung und weitere Stressfaktoren. Der Körper ist auf Hochtouren, um sich auf die ungewohnte Situationen einzustellen. Wenn man dann noch Durchfall bekommt oder sich beim Anmarsch erkältet, ist der sowieso geschwächte Organismus angreifbar. Die Gefahr, höhenkrank zu werden, steigt extrem. Speziell beim Anmarsch und der Akklimatisation im Basislager legt man den Grundstein für die Gewöhnung an die Höhe. Meine Erfahrung war bisher: Wenn ich mich im Basislager wohl fühlte und mir mit der Akklimatisation Zeit gelassen habe, wurde ich am Berg nie mehr höhenkrank."

2. "Erhöhte Pulswerte sind Anzeichen. Mein Ruhepuls liegt bei circa 40 Schlägen. Im Basislager des Bhagirathis auf 4000 Meter hatte ich einen Ruhepuls von 120 Schlägen pro Minute. Schwindelgefühl, starkes Kopfweh, Schweißausbrüche, kein Hungergefühl, Hustenreiz, Niedergeschlagenheit, Pressatmung. Bei mir treten ähnliche Symptome wie bei einer starken Grippe auf."

3. "Die Atemtechnik und die jeweiligen Pausen hängen immer vom Leistungsstand des Bergsteigers, den Geländeanforderungen und der momentanen Höhe ab. Auf meinen Achttausender-Touren schaffte ich über 7500 Meter meist nur 10-15 Schritte. Danach benötige ich eine Pause als ob ich einen 100 Meter Lauf hinter mich gebracht hätte. Wenn man sich vorstellt, dass dort oben die Schrittlänge etwa 30 bis 40 Zentimeter beträgt, man aber schon nach 10 Schritten eine Rast einlegen muss, hat man das Gefühl nicht vom Fleck zu kommen. Hier spielt der Kopf die größte Rolle. Ich rede meist mit mir selbst. Erkläre mir, dass ich ganz freiwillig hier bin, um mein Traumziel zu erreichen. Meist versuche ich, meinen inneren Schweinehund zu überlisten in dem ich mir Geländeabschnitte als Teilziele vornehme. Wenn keine da sind, dann zähle ich die Schritte um einen Rhythmus zwischen Belastung und Erholung aufzubauen.
Ich selbst arbeite in der Höhe sehr viel mit Pulsuhr. Zuhause schreibe ich mir meine Ruhepulswerte, meine Ausdauerpulswerte und meine Maximalpulswerte auf. Wenn ich dann im Basislager auf 4500 Meter einen Ruhepuls der rund 10 Schläge höher ist als zu Hause erreiche, dann bin ich fit für die nächste Höhenetappe. Im jeweils nächsten Hochlager gehe ich genauso vor. Diese Methode funktioniert bis etwa 7000 Meter Schlafhöhe. Danach ist das beste Motto: so schnell als möglich hinauf, um so schnell als möglich wieder herunter zu kommen. In der Todeszone kannst du nicht mehr akklimatisieren, sondern nur noch abbauen. Jeden Tag notiere ich mir während der Expedition meine Pulswerte und mein subjektives Körpergefühl in ein Tagebuch. So kann ich im Vergleich mit vorhergegangenen Expeditionen Schlüsse über meinen Leistungsstand ziehen. Nichts anderes machen Spitzensportler in ihrer Trainings- und Wettkampfplanung. Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Flüssigkeitszunahme. Im Basislager sollte der Urin so hell als möglich sein. Die abgegebene Urinmenge liegt bei mir, bei gutem Leistungsstand auf 5000 Meter, bei rund einem Liter pro 24 Stunden."

Christian Stangl, Speed-Bergsteiger

Der Elektrotechniker (Jahrgang 1966) aus Hall (AUT) machte im Jahr 2007 weltweit auf sich aufmerksam, als er seine Speedprojekt "Seven Summits" beendete - nach nur knapp 60 Stunden stand er auf allen sieben Gipfeln. Eine Leistung, die niemand für möglich gehalten hatte. Stangl hat mehrere Solo-Alpinstil-Begehungen an Achtausendern auf seinem Konto und sammelt seit Jahren Einträge in die Geschichtsbücher des Bergsports.

Stangl zu den Mountains2b-Fragen:

1. "Ich war noch nie ernsthaft höhenkrank und auch noch kein Ödem."

2. "Außer einem "unnatürlichem" Leistungsabfall kann ich an mir nichts feststellen. An den Gästen merke ich sehr wohl, wer gefährdet ist oder nicht. Es beginnt meist mit Appetitlosigkeit und schlechtem Schlafverhalten."

3. "Geheimrezept gibt es keines. Ich trainiere sehr viel, vor allem zielorientiert und das eigentlich ganzjährig. Chemie, in Form von Spritzen, Pillen und künstlichen Sauerstoff lehne ich kategorisch ab. Für mich fällt das schlichtweg unter Doping. Der Glaube an mein Training, meine physischen und psychischen Fähigkeiten geben mir das notwendige Durchhaltevermögen in brenzligen Situationen. Atmen tu ich "wie ein Pferd", und zwar von Anfang an und nicht erst dann wenn der Sauerstoff gebraucht wird. Mein Gehrythmus ist zügig und immer durch. Bis auf 7.500 Meter funktioniert das tatsächlich, vorausgestzt der Untergrund und Steilheit passt. Dann gibt es 200er Schrittfolgen. Ist es flach, wie Nord-Ost-Grat Everest, kann man wieder mehr Gas geben. Bei Steileiskletterei wie zum Beispiel an der Shisha Pangma Südwand geht das nicht. Da nimmt halt das Schlagen der Eisgeräte schon sehr viel Energie weg."

Paul Koller, Höhenbergsteiger

Paul Koller ist Staatl. Berg- und Skiführer. Seine Handelsagentur "AbenteuerBerg" vermarktet Bergführeraktivitäten und verschiedene Bergsportprodukte in Österreich. Er stand unter anderem auf dem Elbrus, dem Cotopaxi, dem Mt. McKinley, dem Gasherbrum II und dem Mt. Everest.

Koller zu den bergleben-Fragen:

1. "Ich glaube, dass ich meinen Körper sehr gut kenne und ich selbst war noch nie von einer Höhenkrankheit betroffen. Höhenkrankheit ist etwas, das aufgrund schlechter Höhenanpassung ausbricht und meistens in den unteren Höhen stattfindet. Leute, die am Gipfelanstieg eines 8000ers sind, sind immer gut akklimatisiert und haben dort oben mehr mit der allgemeinen Erschöpfung zu tun. Die auch wieder auf Grund des geringen Sauerstoffanteiles in der Luft, rascher einen Bergsteiger überfallen kann."

2. "Kopfschmerzen und schneller Puls sind erste Anzeichen einer Höhenkrankheit. Wenn man die Regeln befolgt, kommt die Krankheit nicht zum Ausbruch. Z.B. sollte man nicht höher steigen, viel trinken, bewusst tief und verstärkt Atmen, keinen Alkohol trinken, keine Pressatmung forcieren. Zum Beginn der Akklimatisation habe ich schon auch ab und zu einmal Kopfschmerzen, das aber vergeht mit der Zeit. Ich habe gelernt, mich darauf einzustellen und richtige Schritte zu setzen. Die Angst, liegenzubleiben und zu sterben, lässt mich richtig handeln. Auf 6000 Meter am Gasherbrum II hatte ich schon einmal totale Atemnot und blieb in der Gruppe zurück, während die Gruppe über den fast horizontalen Gletscher weiterging und das Lager 1 aufbaute. Beim Abstieg ging ich dann mit der Gruppe wieder zurück."

3. "Nein, Geheimrezept habe ich keines. Ich motiviere mich an den umliegenden Gipfeln, an denen ich am Besten sehe wie ich höher komme. Die Vorarbeit muss zu Hause gemacht werden. Wenn ich es in den Hohen Tauern schaffe, Skitouren zu gehen mit einer Höhenleistung von 1200 Höhenmetern/pro Stunde und mehr, dann gelingt es mir auch ab 7000 m, 15% der Leistung mitzunehmen. Also ca. 180 Höhenmeter/pro Stunde. Damit habe ich gute Chancen, rasch auf einen 8000er zu kommen und wieder runter. Man stelle sich vor, es ist dort jemand unterwegs der zu Hause in den Alpen gerade mal 400 Höhenmeter/pro Stunde schafft, der hat ab 7000 m nur mehr eine Leistungsrate von ca. 60 m. Mit diesem rein rechnerischen Wert ist es theoretisch auch möglich auf einen 8000er zu kommen, jedoch ist die Zeit in der der Bergsteiger sich in der Todeszone befindet viel zu lang und damit lebensgefährlich. Bei unserer Bergungsexpedition von Markus Kronthaler haben Stefan Lackner, und ich drei Nächte auf 7000 m verbracht. An zwei Tagen immer oberhalb dieses Lagers schwer gearbeitet um die Leiche zu bergen. Sogar am Tag drei schafften wir die Leiche mit Hilfe von zwei Trägern noch ca. 200 m tiefer. Ich bin der Meinung das das alles auf unsere perfekte Vorbereitung und auf den konsequenten Verzicht auf Flaschensauerstoff zurückzuführen ist."

Hier kommt ihr zur Specialseite "Höhenkrankheit und Höhentraining"