Pressereisen sind meist eine eintönige Sache: Als Journalist wird man eingeladen, wohnt luxuriös, isst gut, hat ein durchgeplantes Programm vor sich und wird von freundlichen Pressevertretern über die Vorzüge der Region, der Firma, der Produkte oder der Neuheiten aufgeklärt, wegen der man an der Reise teilnimmt. Die Hoffnung der Organisatoren: Die Redakteure berichten in ihren Medien positiv und sorgen damit für gutes Marketing. In vielerlei Hinsicht war meine, von Hauser Exkursionen, Schweiz Tourismus und dem Wallis organisierte, dreitägige Reise in die tiefste Südschweiz Ende März anders. Thema des Trips: Freeriden in Zermatt!


Zermatt - ein besonderer Ort

 

Ich kenne Zermatt schon seit über 20 Jahren. Doch das, was mich in den drei Tagen dort in diesem Jahr 2012 erwartete, hatte ich hier noch nicht erlebt. In der spektakulären Skiregion am Fuße des wohl am häufigsten fotografierten Bergs der Welt, dem Matterhorn, wollten zwei Bergführer von Hauser sechs Pressekollegen und mich über die Möglichkeiten für Skifahrer aufklären, denen die 350 plattgewalzten Pistenkilometer in Zermatt nicht genug sind. "Die Chance lasse ich mir nicht entgehen", war mein erster Gedanke. Und nur wenige Tage später saß ich im Zug, der mich über Bern und Visp bis ins Mattertal brachte. Man hatte uns in Täsch im Täscherhof untergebracht. Der Ort liegt nur wenige Kilometer vor Zermatt und ist der letzte im Tal, den man mit dem Auto befahren darf - denn Zermatt ist autofrei. Warum wir in Täsch im etwas in die Jahre gekommenen Täscherhof untergebracht waren und nicht, wie bei Pressereisen sonst üblich, nobel direkt in Zermatt? "In Zermatt war nichts mehr zu bekommen", sagt Alexander Römer, Berg- und Reiseführer von Hauser. Mir macht es nichts aus, dass wir in Täsch wohnen - schon als Kind im Osterurlaub habe ich hier viele tolle Zeiten verbracht. Aber in einem Ort, in dem 5.500 Menschen wohnen und in Hochzeiten über 30.000 Gäste aus aller Welt residieren, sind keine neun Betten mehr frei? Etwas stutze ich schon. Doch schon bei unserer kurzen Begrüßung durch eine Zermatter Pressevertretern am Anreisetag wird klar: Hier hat man es nicht nötig, Journalisten "Honig ums Maul zu schmieren". Zermatt ist etwas Besseres - kommt nicht ihr, dann kommen andere, so ist das Motto hier. Nachdem wir in 20 Minuten durch den Ort getrieben worden sind, die eigentlich sehens- und hörenswerte Führung durch das Monte Rosa Hotel, Zermatts erste Herberge, und über die Erstbesteigungsgeschichte des Matterhorns durch Edward Whympers aufgrund Langatmigkeit vorzeitig abgebrochen haben, widmen wir uns abends im Hotel der Materie, wegen der wir eigentlich angereist sind. Die Bergführer Peter Schatzl und Alexander Römer klären uns über unsere Freeride-Pläne an den kommenden beiden Tagen auf und übergeben uns das dafür notwendige Equipment. Spätestens jetzt ist klar: Ein Kindergeburtstag wird diese Pressereise nicht!


Vorfreude und ein mulmiges Gefühl

 

"Wir geben euch jetzt Ski, Tourenfelle, Harscheisen, LVS-Gerät, Lawinensonde, Lawinenschaufel. Dazu nehmt ihr noch eure normale Skiausrüstung, Stöcke mit großen Tellern, Gletscherbrille, viel zu Trinken, Sonnencreme mit hohen Lichtschutzfaktor, wenn möglich Helm und ...“ - Alexander Römer macht uns schnell und deutlich klar, dass man Freeriden in einem Gletschergebiet auf weit über 3500m Höhe nicht „eben mal so“ macht. Als erfahrener und durchaus guter Pistenskifahrer wird die Schwarztor-Tour mit einer Abfahrt über den knapp vier Kilometer langen Schwärzegletscher am kommenden Tag für mich Neuland sein. Gletscherspalten, Lawinen, die extreme Höhe - im alpinen Gelände sind die Gefahren allgegenwärtig. Immerhin soll das Wetter perfekt werden, so weit so gut. Dennoch gehe ich am Abend zwar voller Vorfreude, aber auch mit einem etwas mulmigen Gefühl in das katastrophal weiche und alles andere als rückenschonende Bett.


Ausgangspunkt Klein Matterhorn

 

"Wir fahren mit der Gornergratbahn hoch nach Riffelberg, auf der Abfahrt nach Furi testen wir euer skifahrerisches Können - und dann geht’s hoch zum Klein Matterhorn." Gut gelaunt stimmt uns Alexander Römer am nächsten Tag auf das ein, was uns erwartet. Gesagt, getan - trotz ungewohnter Skiausrüstung und vollem Rucksack fallen wir nicht durch die "Fahrprüfung" und stehen schnell auf 3.883 Meter Höhe. Das Klein Matterhorn in Zermatt ist der höchste Punkt Europas, den man mit einer Gondel erreichen kann. Die dünne Luft hier oben hat schon den ein oder anderen Touristen in die Knie gezwungen. Auch ich merke schnell, obwohl ich schon oft hier oben war, dass mein Körper sich noch nicht an die Höhe angepasst hat. Wie auch, gestern Morgen bin ich noch auf 100 Meter Seehöhe in den Zug gestiegen. "Langsam machen, keine Hektik aufkommen lassen", geben die Bergführer Römer und Schatzl das Motto vor. Und viel trinken! Wer morgens ein bis zwei Liter Flüssigkeit zu sich nimmt - Kaffee zählt nicht unbedingt dazu - der hat in der Höhe weniger Probleme. Gut, das habe ich heute Morgen leider im Stress nicht gemacht, könnte ein Fehler gewesen sein. Wir bereiten uns vor, während Alex und Peter uns erklären, wie wir uns im Gelände verhalten müssen. "Der Bergführer gibt immer die äußerste Spur vor, er wird auf keinen Fall überholt, beim Anhalten stoppt ihr oberhalb des Vorfahrenden", erklärt Römer, der seit 2006 als Profi-Bergführer bei Hauser Exkursionen arbeitet. Das soll im Gletschergelände verhindern, dass man in einer Spalte landet. Das würde ich auch gerne verhindern, denke ich bei mir, und checke den Hüftgurt, den wir alle angelegt haben. Falls es doch zu einem Spaltensturz kommt, können wir mit dem mitgebrachten Seil geborgen werden - dazu kommt es hoffentlich nicht.


Freeride der Extraklasse: Über 2000 Höhenmeter vom Schwarztor nach Zermatt

 

Wir gehen in der Gruppe über das Plateau um das 4.164 Meter hohe Breithorn herum. Den wohl leichtesten Viertausender der Schweiz nehmen heute bei besten Bedingungen einige Gruppen in Angriff, im Zickzack bahnen sie sich den kurzen Weg über den flachen Rücken des breiten Riesen. Wir lassen das Breithorn links liegen, unser Blick richtet sich vor uns auf Liskamm (4.527 Meter), Castor (4.228 Meter) und Pollux (4.092 Meter) - das fantastische Hochdruckwetter wird uns am heutigen Tag noch das Panorama von zahlreichen Viertausender ermöglichen. Wir freuen uns auf die erste Abfahrt, die uns mit dem Blick über die Grenze nach Italien einige hundert Meter in eine Rinne bringt. Jetzt heißt es wieder anfellen und den schweißtreibenden Weg hinauf zum Schwarztor antreten. Ich merke schnell, dass ich heute alles andere als gut drauf bin. Der Anreisestress steckt mir wohl noch in den Knochen, auf jeden Fall schleppe und keuche ich mich in etwa einer Stunde immer am Ende der Gruppe hinauf bis zum Schwarztor (3.731 Meter). Die Sonne brennt, der Schweiß tropft, die Luft ist dünn und in meinen harten Pistenskischuhen habe ich mir Blasen gelaufen - doch was solls, es steht uns eine unglaubliche Abfahrt bevor. Über die Fahrt durch den zumeist tollen Powder, die uns an den riesigen Gletscherformationen, Seracs genannt, des Schwärzegletschers vorbei führt und unvergessliche Eindrücke hinterlässt, braucht man nicht viel schreiben. Bilder sagen mehr als Worte heißt es ja, deshalb empfehle ich einen Blick in die Bilderserie.

Freeridern, die die unglaubliche Schwarztor-Tour unter ihre Ski nehmen wollen, sollte aber klar sein: Gletscherspalten und potentielle Lawinenhänge säumen den Weg hinab - sich ohne Bergführer hier zu bewegen, wäre ein extrem gefährliches Unterfangen. "Freeriden in Zermatt ist eine unglaublich geile Sache", sagt Peter Schatzl, "aber man muss einige Sachen beachten." Ohne sehr gute Ortskenntnisse und umfassendes Wissen über lawinenrelevante Gegebenheiten sollte kein Skifahrer sich hier abseits der Pisten bewegen. Wir lassen uns auf unserer Tour durch die blauen Eis-Seracs viel Zeit für Fotos und so ist es schon 18 Uhr, als wir den Tag bei einem Bier in Furi oberhalb von Zermatt ausklingen lassen. Erschöpft, aber mit einem Strahlen in den Augen treten wir in der Abenddämmerung den Weg nach Täsch an. Skibusse fahren natürlich keine mehr, aber die 15 Minuten Fußmarsch durch Zermatt machen uns nach dem heutigen Erlebnis auch nichts mehr aus - das Freerider-Leben ist schön.

Hier geht es weiter zum zweiten Teil der Reportage "Freeriden in Zermatt"