Powdern, Heliskiing, breite Latten, Backcountry - das ist es, wovon unsere amerikanischen Kollegen von OnTheSnow.com uns immer erzählen. Sie haben, das ist offenkundig, eine etwas andere Wahrnehmung vom Skifahren. Klar, auch für viele europäische Skifahrer ist ein Trip nach Breckenridge, Whistler und Co., bei dem es um einsame, unverspurte Hänge im Backcountry geht, ein absoluter Traum. Die Wirklichkeit für die Mehrzahl der Europäer sind aber Carving-Ski, gut präparierte Pisten, eine straffe Infrastruktur und die Party danach. Was sind also die wesentlichen Unterschiede zwischen den Kontinenten?

Nummer eins: Der Schnee

Fangen wir beim Schnee an. In den Rocky Mountains, wo wir die größten Skigebiete in Nordamerika finden, ist es im Winter in der Regel kälter und die Luftfeuchtigkeit ist deutlich niedriger. Das Ergebnis: Leichter, luftiger, flockiger Powder - und das zum Teil in riesigen Mengen. Das Wetterphänomen El Nino schleppt oftmals Schneemassen an. Die sind ideal für einen Freeride-Trip, hierbei entstehen die tollen Bilder, die man aus den gängigen Skifilmen kennt. Eisplatten? Abgefahrene Stellen? Wenn der richtige Champagne Powder vom Himmel fällt, ist er sehr weich zu befahren und birgt deutlich weniger Lawinengefahr. Die Unterschiede im Schnee sind so gravierend, dass selbst manche Weltcup-Fahrer bei den US-Trips im Weltcup in Lake Louise, Aspen oder Beaver Creek nicht richtig klarkommen. Für den Hobbyskiläufer ist das Terrain technisch eher ein bisschen leichter einzustufen. Ein bisschen Erfahrung mit tiefem Schnee kann sicher nicht schaden ...

Nummer zwei: Die Skigebiete

Erzählt einem US Skifahrer nichts über die Kilometer der gespurten Pisten in eurem Lieblingsskigebiet - damit kann er wenig anfangen. Und das liegt nur zum Teil am metrischen System. In den USA gilt: Die Fläche zählt. Mit Quadratkilometern könntet ihr euren US-Skifreunden also kommen. Die zum Teil viel größeren Gebiete haben dennoch viel weniger Infrastruktur, also Lifte. Diese sind dafür um so länger, oft sehr neu, schnell und entsprechend leistungsfähig. Sie erschließen weite, auch unverspurte Areale. Am Ziel der Gondel oder des Sesselliftes finden sich viele Abfahrtsoptionen, volle Pisten gibt es eher selten, denn diese sind meist breit und bieten viel Platz. Die Schwierigkeit der Pisten reicht von grün, blau und schwarz zu 'double diamond' - hier sollten sich nur geübte Fahrer versuchen. In Europa neigen Skigebiete zu (endlosen) Vernetzungen untereinander. Viele kleine Verbindungsabfahrten ohne größeren skifahrerischen Mehrwert sind eine Folge davon. Dafür gibt es zumeist steilere Passagen, die großen europäischen Ressorts weisen deutlich höhere Höhenunterschied zwischen Berg- und Talstation aus. Und natürlich haben europäische Skigebiete eine ganz andere Historie, existieren oft seit Jahrzehnten und tragen diese Historie zum einen mit einem gewissen Charme, zum anderen mit gewissen Altlasten in Form alter Anlagen mit sich herum.

Nummer drei: Nettiquette, Service & Lifestyle

Ja, Amerika ist ein Dienstleistungsland. Und da versteht es sich von selbst, dass man am Lift nicht drängeln muss, um endlich seinen Platz in der Gondel zu bekommen: Man wird empfangen, begleitet und bekommt schonmal ein Gratis-Taschentuch, wenn die Nase läuft. Oder einen leckeren Keks. Vor allem dort, wo man auf Luxus setzt, bekommt man diesen auch - quer über das Skigebiet. Wundert euch also nicht, wenn man euch am Lift einen tollen Skitag wünscht, noch eben ein paar Pistentipps reicht und dabei ein freundliches Lächeln schenkt. Der Spaß ist Teil des Gesamtkonzeptes. So geht es eben auch! Drängeln an vollen Liftschlangen in Europa ist jedenfalls für Besucher aus den USA etwas Neues. Auch der Anspruch an den Skitrip ist oft ein anderer. In den USA gibt es die längste Liftschlange gerne kurz vor der Öffnung der Anlage - denn dort geht es darum, möglichst viel Ski zu fahren. In Europa haben gesellschaftliche Aspekte, also das Einkehren, eine fast ebenso große Bedeutung, wie das eigentliche Skifahren. Und wer ausgiebig dem Après-Ski Angebot zugesprochen hat, der wird sich kaum früh am Morgen auf die Piste stellen.

Nummer vier: Heli-Skiing, Tree-Skiing, Cat-Skiing

Um die weit entfernten Freeride-Strecken in nordamerikanischen Skigebieten zu erreichen, werden dort gern Heliskiing-Angebote gemacht. Mit dem Hubschrauber geht es dann in unverspurtes Gelände - der Traum vieler Skifahrer. in Europa sind hingegen meistens die Berge mit Liften erschlossen, nur selten gibt es überhaupt Heliskiing-Angebote, denen auch ein ökologischer Malus anhaftet. Im Wachsen sind hier stattdessen: Skibergsteigen bzw. Skitourengehen, wobei man sich die unverspurte Abfahrt mit der eigenen körperlichen Aufstiegsleistung verdienen muss. Auch verboten bei uns: Tree-Skiing, also die in keinem Skifilm fehlende Abfahrt durch Waldstücke. Billiger als Heliskiing ist Cat-Skiing: Dabei bringt euch eine Pistenraupe an den gewünschten Ort - und dann wird abgefahren. In Europa ist das Fahren abseits der Piste zwar keine Randerscheinung mehr, aber die allermeisten Skierlebnisse finden auf gespurten Pisten statt.

Nummer fünf: Material "Nicht unter 100 mm"

"I never ski something with less than 100 mm", erzählte uns US-Redakteur Patrick bei seinem letzten Besuch. Und er steht für die Mehrheit der Amerikaner. Wo in Europa mehrere Kategorien von (Race)-Carvern mit mehr oder weniger rennsportlichen Eigenschaften im Sportgeschäft um Käufer ringen und es daneben noch ein paar All-Mountain und Freeride-Modelle gibt, da findet man in amerikanischen Läden eben ein ungleich größeres und unterteiltes Sortiment an breiten Latten und eine vergleichsweise mickrige Sparte schmalerer Pistenski, die auf den Namen 'Frontside' hören. Von denen lässt Patrick lieber die Finger, wenn auch einige davon schon an die 100 Millimeter unter der Bindungsplatte herankommen und bei uns längst im All Mountain Bereich angesiedelt werden. Damit einher gehen natürlich auch technische Unterschiede: Ein ausgefeilter Carving-Schwung ist selten das, was ein Amerikaner und Kanadier beim Skifahren lernen und ausüben will. Vielleicht auch deshalb ist der Skirennsport weiterhin recht wenig populär, trotz charismatischer Topsportler wie Lindsey Vonn und Bode Miller. Das hängt sicher auch mit dem viel ausgeprägteren Netz an Skischulen in Europa zusammen. Man kann ohne Probleme behaupten: In Europa werden Ski-Anfänger deutlich besser und organisierter technisch geschult.