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Verletzungen beim Klettern und Bouldern:

17. August 2009 | bergleben.de

Hand und Finger sind besonders anfällig

Hand und Finger sind besonders anfällig

Copyright: flickR_justonlysteve

PD Dr. med. Volker Schöffl ist nicht nur begeisterter Kletterer, Routenerschließer von Laos und ehemaliger Wettkampfathlet, sondern auch Facharzt für Chirugie, Unfallchirurgie, Orthopädie und Sportmedizin. Der 43-Jährige hat Routen im zehnten Schwierigkeitsgrad erstbegangen und ist Experte in der Materie von Kletterverletzungen - als Arzt der Kletter-Nationalmannschaft und Autor des Buches „So weit die Hände greifen. Sportklettern - Verletzungen und Prophylaxe“. Wir sprachen mit Schöffl und bekamen spannende Antworten auf unsere Fragen zu Verletzungen im Klettersport.

Finger-, Hand- und Schulterverletzungen dominieren
"Verletzungen von Kletterern befinden sich zu etwa 60 % an Fingern und Händen." Volker Schöffl kennt das Anforderungsprofil der Sportart und seine Auswirkung auf die hauptsächlich auftretenden Probleme. Hände und Finger sind das Werkzeug eines Kletterers, mit ihnen greift er, zieht er, drückt er. Doch auch die Schulterläsionen nehmen nach Auffassung des Experten zu: "Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass die Anzahl von Schulterverletzungen in den letzten Jahren zugenommen haben. Darüber gibt es aber noch keine wissenschaftlichen Erhebungen." Der Grund? "Heute klettern selbst ältere Sportler in den Vierzigern oder Fünfzigern noch sehr hohe Schwierigkeitsgrade - das macht der Körper irgendwann trotz guten Trainingszustands nicht mehr mit. Außerdem hat sich die Schulter-Medizin stark entwickelt, so dass heute Verletzungen behandelt werden können, die früher einfach so hingenommen wurden." Auch die Überlastungsschäden nehmen laut Schöffl deutlich zu: "Es ist klar, wenn Jugendliche sieben Tage in der Woche klettern gehen, dass da über kurz oder lang die Regeneration zu kurz kommt." Etwa 70% der Beschwerden bei Kletterern gehen auf eine Überlastung, nur 30 % auf Verletzungen zurück.

Bilder & Videos

Hand und Finger sind besonders anfällig - © flickR_justonlysteve
Happy End - © Volker Schöffl
PhaDaeng - © Volker Schöffl
Hautabschürfungen sind an der Tagesordnung - © flickR_justonlysteve

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Problemkind Ringband
Das Ringband gilt als „Achillesferse“ eines Kletterers. In den Fingern unterstützen die Ringbänder die Beugesehne, beziehungsweise fixieren sie am Knochen. Sie sind insbesondere bei aufgestellten Fingern einer sehr hohen Belastung ausgesetzt, die im Extremfall zu einem Ringbandabriss führt. Solche Extremfälle treten zum Beispiel beim Wegrutschen vom Tritt oder beim dynamischen Ziehen an kleinsten Leisten auf. Dabei hängt die Anfälligkeit eines Kletterers für Ringbandverletzungen nicht ausschließlich von der muskulären Stabilisierung ab: "Die individuellen körperlichen Voraussetzungen spielen hier eine große Rolle, wie zum Beispiel die Hebelverhältnisse und die Biomechanik", weiß Volker Schöffl aus seinen Studien.

Dennoch: Fingerkraft ist ein wichtiger Baustein einer guten Kletterleistung und für den Schutz des Ringbands unersetzlich. "Allerdings ist nach sechs bis acht Wochen ist der Effekt von Fingerkrafttraining ausgereizt, da die Fingerkraft auch genetisch bedingt ist. Dann sollte man andere Akzente im Training setzen", sagt Schöffl. Der Franke empfiehlt vor allem Anfängern, eine Überforderung der Hand- und Fingermuskeln zu vermeiden: "Campusboard-Training ist in den ersten drei Kletterjahren tabu! Insbesondere die Dynamik und das Abklettern mit exzentrischer Belastung von Ellbogen und Fingern ist sehr gefährlich."

Was tun, um Überlastungsschäden und Verletzungen zu vermeiden?
"Insbesondere das Aufwärmen ist zur Vermeidung von Schäden und Verletzungen essentiell", sagt Dr. Schöffl. Um die Muskeln auf Betriebstemperatur zu bringen, empfiehlt sich zum Beispiel ein zehnminütiges lockeres Einbouldern an großen Griffen. "Zudem sollte man eine Überlastung vermeiden, also die Zyklen Belastung und Entlastung so strukturieren, dass eine ausreichende Regeneration gewährleistet wird. Vier bis fünf mal Klettern in der Woche ist auch für Profis das Maximum." Um langfristig Überlastungen und kletterspezifische körperliche Probleme wie zum Beispiel den typischen "Rundrücken" zu vermeiden, sollten im Training häufiger mal neue Reize gesetzt und Wert auf abwechslungsreiche Belastungsformen gelegt werden: "Uniformes Training führt zu muskulären Dysbalancen und diese über kurz oder lang zu Fehlstellungen, Gelenkschäden oder Funktions- und Koordinationsstörungen in den Muskeln", weist Schöffl auf die Gefahren eines einseitigen Trainings hin. Das regelmäßige Dehnen sollte nach jedem Training dazu gehören, so beugt ihr allgemeinen muskulären Problemen vor. "Der Muskeltonus wird durch das Dehnen gesenkt, deshalb sollte man es auch nicht vor dem Training durchführen", so Schöffl.

Im Buch „So weit die Hände greifen“ von Volker Schöffl und Thomas Hochholzer erfahrt ihr mehr rund um das Thema Beschwerden, Dehn- und Kräftigungsübungen, Ernährung und alle medizinischen Aspekte, die Kletterer betreffen. Das Buch könnt ihr hier bestellen!

Mehr zu Ernährungsfragen und Klettertraining findet ihr auch auf bergleben.de: Zum Beispiel in unseren Themenspecials Bergsport, Klettern und Ernährung und Klettertraining.

Linktipp:
- www.sportmedizin-bamberg.com

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