Mountains2b: Der Tod gehört zum Leben jedes Höhenbergsteigers dazu. Warum treibt es Sie, Herr Prof. Dr. Mees, in die Berge und warum haben Sie sich entschlossen, die Höhenkrankheit zu erforschen und sich mit dieser Thematik auseinander zu setzen?
Prof. Dr. Klaus Mees: Der Tod ist nicht nur im Leben eines Höhenbergsteigers, sondern auch bei allen anderen Menschen immer gegenwärtig. In der Höhe gibt es allerdings einige objektive und subjektive Gefahren, denen man sich aussetzt, die im normalen Leben nicht vorkommen: Lawinen, Steinschlag, Kälte, die dünne Höhenluft und auch die Selbstüberschätzung und die alpinistische Unerfahrenheit können zu Gefahren werden.
Für mich persönlich ist Bergsteigen schon immer ein Hobby gewesen, das ich gerne gemacht habe. Und als Mediziner lag es für mich nahe meine Freude an diesem Hobby, meinen Ehrgeiz und den Leistungswillen mit dem Höhenbergsteigen und der wissenschaftlichen Untersuchung der Höhenkrankheit zu verbinden.


Mountains2b: Ein Hauptproblem für Höhenbergsteiger ist genau diese Höhenkrankheit. Erklären Sie doch bitte kurz, was man unter diesem Phänomen versteht.
Prof. Dr. Klaus Mees: Die Höhenkrankheit resultiert aus dem Sauerstoffmangel, der in der Höhe herrscht und der jenseits von 2500m nicht mehr kurzfristig kompensiert werden kann. Wenn man sich jenseits dieser Höhe aufhält und sich keiner Anpassung unterzieht, können verschiedene Symptome wie zum Beispiel Übelkeit, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit und Schlaflosigkeit auftreten. Eine körperliche Anpassung geschieht durch eine geänderte Steuerung des Atemantriebs und durch Veränderungen im Blut: Das vermehrte Ausscheiden von Blutplasma durch die Niere führt zu einer relativen Erhöhung des Hämoglobinwertes und zu einer Blutverdickung. Beim Bergsteigen sollte man, damit der Körper sich an den minderen Sauerstoffgehalt anpassen kann, langsam aufsteigen. Ein täglicher Aufstieg von 500 - 600 Höhenmeter am Tag sind ideal im Hinblick auf die Akklimatisation.

Mountains2b: Im Jahr 2004 waren Sie zum ersten Mal am Everest, haben vorher schon Expeditonen zum Gasherbrum II und Cho Oyu unternommen. Was für Messungen haben Sie am Everest durchgeführt und was ist dabei herausgekommen? Entwickeln Sie nun ein „Höhenkrankheitswarnsystem“?
Prof. Dr. Klaus Mees: Unsere Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich des Höhenhirnödems (HHÖ), das im Gegensatz zu der akuten Bergkrankheit immer eine lebensbedrohende Erkrankung darstellt. Das Ziel war es, Parameter zu erarbeiten, um ein HHÖ frühzeitig erkennen zu können. Bei einem HHÖ mit erhöhtem Druck auch im Innenohr ist dessen Funktion messbar eingeschränkt. Diese Funktionsstörungen habe ich als Expeditionsarzt bei Höhenbergsteigern am Everest und anderen Achttausendern untersucht. Im Endeffekt soll dabei ein leicht handhabbares Gerät, ähnlich einem Kopfhörer, entstehen, mit dem Expeditionsärzte, aber vor allem auch Ärzte in der „normalen“ Medizin die Möglichkeit bekommen, ein Hirnödem frühzeitig zu erkennen.

Mountains2b: Erstaunlicherweise scheint das Auftreten der Höhenkrankheit nicht oder nur unwesentlich vom Fitnesszustand des Bergsteigers abzuhängen. Ist das wirklich so und von welchen Faktoren hängt es ab?
Prof. Dr. Klaus Mees: Der Fitnesszustand ist für die Entwicklung der Höhenkrankheit ohne Bedeutung. So können zum Beispiel völlig Untrainierte zunächst in Höhen gut zurechtkommen und absolut fitte Sportler liegen mit großen Anpassungsproblemen im Zelt. Das Auftreten der Höhenkrankheit ist abhängig davon, wie die rasch die Atmung auf den Sauerstoffmangel im Blut reagiert.
Wie der Körper letztendlich reagiert, ist vorher schwer abzuschätzen. Eine Untersuchung im Rahmen eines Hypoxietests kann die Kompensationsfähigkeit unserer Atmung darstellen, leider jedoch noch nicht das individuelle Risiko für eine Höhenkrankheit.

Mountains2b: Kann der Mensch sich unbegrenzt lange in großen Höhen aufhalten oder gibt es da Richtwerte und Beschränkungen?
Prof. Dr. Klaus Mees: Der menschliche Körper ist nicht dafür gemacht, sich langfristig in Höhen über 5300 Meter aufzuhalten. Man kann in solchen Höhen soviel essen und trinken, wie man möchte, trotzdem verliert man auf Dauer an Körpergewicht. Schon in niederen Höhen hat man einen erhöhten Flüssigkeits- und Nahrungsbedarf! In der so genannten Todeszone beträgt die maximale Überlebensdauer etwa 48 Stunden.

Mountains2b: Gibt es eine Faustformel, in welchem Ausmaß die Leistungsfähigkeit abnimmt, wenn man in die Höhe aufsteigt?
Prof. Dr. Klaus Mees: Bis zu 1500 Meter Höhe ist die Leistungsfähigkeit nicht eingeschränkt, danach nimmt diese pro 100 Höhenmeter etwa 1% ab. Beim Höhenbergsteigen muss man zudem das Gewicht der Ausrüstung beachten. Das bedeutet, wenn man in 8000 Metern Höhe nur noch ein Drittel seiner Leistungsfähigkeit hat und dazu noch das Gewicht um 10 oder 15 Kilo höher ist, als ohne Ausrüstung, kann man sich vorstellen, wie schwierig es ist, sich in solchen Höhen fortzubewegen.

Mountains2b: Was halten Sie von dem immer mehr zunehmenden Expeditionstourismus in den höchsten Regionen dieser Erde?
Prof. Dr. Klaus Mees: Das ist ein schwieriges Thema. Ich selbst habe viele Erfahrungen an den 8000er-Bergen gemacht und gesehen, dass viele Bergsteiger dort aus Mangel an Erfahrung die Gefahren unterschätzen. Und die Agenturen steuern der Entwicklung nicht immer konsequent entgegen, sondern sie fördern den Massentourismus dort vielmehr. So findet man beispielsweise am Gipfellager des Everests auf 8000 Metern riesige Stapel von Sauerstoffflaschen, die es den Kunden ermöglichen sollen, den Berg zu bezwingen.

Mountains2b: Ist es von einem Bergsteiger ihrer Meinung nach eine größere Leistung, wenn er einen 8000er ohne Sauerstoff bezwingt?
Prof. Dr. Klaus Mees: Ja, das muss man einfach höher einschätzen. Zu einer Besteigung gehört immer noch die Angabe, ob man sie ohne oder mit zusätzlichem Sauerstoff geschafft hat. Wer sich ohne zusätzlichen Sauerstoff in die Todeszone begibt muss die Risiken kennen, die er eingeht. Wer seine absolute Leistungsgrenze jenseits von 8000 m nicht kennt und wieder gesund aus dieser Höhe zurückkommen will, der soll zusätzlichen Sauerstoff nutzen. Ich würde eine solche bergsteigerische Leistung deshalb nicht diskreditieren.

Mountains2b: Mehrere Untersuchungen haben bewiesen, dass das Potenzmittel „Viagra“ der Höhenkrankheit entgegenwirkt. Wird „Viagra“ bald ein ständiger Begleiter in großen Höhen werden?
Prof. Dr. Klaus Mees: Es ist tatsächlich so, dass Viagra den Druck in den Lungengefäßen mindert und bei Untersuchungen sehr positiv abgeschnitten hat. Daher wird Viagra, beziehungsweise das noch wirksamere Cialis, bei der Behandlung des Höhenlungenödems in Zukunft auch häufiger verwendet werden. Eine durchaus amüsante Vorstellung, wenn man die Wirkungen dieser Mittel kennt

Mountains2b: Vielleicht noch ein Wort zum Höhentraining. Im Leistungssport ist dies an der Tagsordnung, um die Anzahl seiner roten Blutkörperchen zu erhöhen und die Sauerstoffaufnahmefähigkeit damit zu verbessern. Die Diskussionen über Hämatokritgrenzen und Verboten von Höhentraining sind immer gegenwärtig.
Prof. Dr. Klaus Mees: Für mich hat Höhentraining nichts mit Doping zu tun. Dann dürften ja auch keine Sportler aus hochgelegenen Ländern an internationalen Wettkämpfen teilnehmen. Doping beginnt meiner Meinung nach, wenn sich ein Sportler fremde Substanzen zuführt oder Blutdoping betreibt. Ein Verbot eines solchen Trainings ist nicht praktikabel und nicht umsetzbar.