Alexander Römer (Jahrgang 1969) ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer und als Physiotherapeut leitet er eine Rehabilitationspraxis in München mit den Therapieschwerpunkten Sportverletzungen und Wirbelsäulenbeschwerden.
Der anerkannte Fachmann befasst sich intensiv mit Fragen des Sicherheits- und Risikomanagements im Zusammenhang mit allen Spielformen des Alpinismus und gibt sein Wissen in entsprechenden Seminaren weiter. Die Liste seiner Referenzen ist lang und namhaft.

Während seiner Dienstzeit bei den Gebirgsjägern in Mittenwald absolvierte der Autor des Buches 'Erste Hilfe - Bergrettung', erschienen im www.am-berg-verlag.de, zahlreiche Ausbildungen im medizinischen Bereich, die er später in seiner Funktion als Rettungssanitäter und Heeresbergführer für die Ausbildung anderer nutzen konnte.
Sicherheit und Risikoabwägung stehen bei den Unternehmungen des Extrembergsteigers und Begeher vieler bekannter Routen in den Alpenwänden an erster Stelle.

Alexander Römer lebt in Oberhaching bei München, seit mehr als zehn Jahren verbringt er jede freie Minute in den Bergen.
Der DSV-Skilehrer führt über das ganze Jahr hindurch Fels-, Eis- und Skitouren in den Ost- und Westalpen sowie in Süd- und Nordamerika.

Skiinfo: Herr Römer, was ist das wichtigste im Hinblick auf die Ausrüstung, die man bei Touren in der schneebedeckten und vereisten Bergwelt verwendet?
Alexander Römer: Natürlich ist das Ausrüstungsmaterial selbst wichtig, zentral aber ist das 'know how', das dessen fachgerechte Handhabung erst ermöglicht und den Menschen, der abseits der Pisten unterwegs ist, ausmacht.
Immer wieder stelle ich fest, dass elementares Grundwissen fehlt und in der Folge das wichtigste, nämlich die vorausschauende Tourenplanung, nicht mehr angemessen umgesetzt werden kann. Dazu gehört eine akribische Auseinandersetzung mit Wetter- und Schneebegebenheiten ebenso wie die Kenntnis der Funktionsweise und Anwendung von Lawinenverschüttetensuchgeräten und generellen Verhaltensweisen in Risikogebieten.
Der Teufel steckt im Detail, gerade wenn es um Lawinen geht. Dennoch erlebe ich immer wieder Menschen, die bei ihren alpinen Unternehmungen für mein Ermessen einiges wagen, doch buchstäblich nichts geplant haben und einen Lawinenlagebericht tatsächlich nicht lesen können. Das ist ein gefährliches Maß an Ignoranz und gefährdet auch andere Menschen. Da wird unter Umständen die beste Ausrüstung nichts helfen. Solch grobe Fahrlässigkeit ist aber zum Glück nicht die Regel, auch wenn immer noch viel zu viele Aktive ohne entsprechendes Equipment abseits kontrollierter Bereiche unterwegs sind, was mitunter fatale Folgen hat. Jenen empfehle ich die 'Safety Plate' von Ortovox, ein System, das die komplette Sicherheitsausrüstung mit einem Griff im Rucksack integriert: von der Lawinenschaufel über die Sonde bis zum Erste Hilfe-Bag und Biwaksack. Diese Platte dient auch als Schiene bei Knochenbrüchen und ist noch vielseitiger einsetzbar.

Skiinfo: Was muss und was sollte oder kann man dabei haben?
Alexander Römer: Ein LVS-Gerät am Körper dient der Ortung im Falle einer Verschüttung, die ohne diese Technik lebensbedrohlich lange dauern können, befinden sich Verschüttete nicht gut sichtbar an der Oberfläche. Lawinensonden dienen der Schneedeckenuntersuchung, der Spaltensuche und sie ermöglichen eine Punktortung verdeckt Verschütteter. Ob verdeckt oder zum Teil freiliegend: eine Bergung von Betroffenen ist in kurzer Zeit ohne geeignete Schaufel nicht möglich, das zeigt die Erfahrung. Neben dieser Ausstattung ist ein Erste Hilfe-Set zur Erstversorgung Verletzter ebenso unentbehrlich, wie ein Biwaksack, der vor weiterer Auskühlung schützt und als Transportmöglichkeit dienen kann.
Zur möglichen Zusatzausrüstung zähle ich ein Funkgerät oder Handy, sowie einen ABS-Ballon. Eine Funkverbindung ermöglicht im Unglücksfall das schnelle Alarmieren zuständiger Rettungsstellen, Ballonsysteme füllen sich bei manueller Auslösung, geben Erfassten so mehr Auftrieb und verhindern somit eine komplette Verschüttungen.

Skiinfo: Blicken Sie auf persönliche Ereignisse zurück, die die Notwendigkeit der beschriebenen Ausrüstung und Vorbereitung nachhaltig unterstrichen haben?
Alexander Römer: Ich habe mal einen Orientierungskurs im Hochgebirge gegeben, als drei Leute an uns vorbeizogen, die mit nichts weiter als einem kleinen 'Daypack' ausgestattet waren. Eine halbe Stunde später kam eine Person zurück, inständig um Hilfe bittend, ein Kollege sei kollabiert. Der Fall war ernst, wir mussten reanimieren, und bei dichtem Nebel war klar, ein Hubschrauber würde nicht zum Einsatz kommen. Erschreckend: diese Gruppe hatte nicht einmal Ersatzwäsche dabei, geschweige denn ein Erste Hilfe-Set. Wenn dann etwas passiert, sind Betroffene völlig hilflos, ausgeliefert und auf Fremde angewiesen.

Skiinfo: Was kriegen die Teilnehmer in derartigen Kursen noch mit auf den Weg?
Alexander Römer: Am Ende das eigene Gespür geschärft zu haben und daran weiter arbeiten zu müssen, in entscheidenden Situationen abwägen zu können. Ein Fehler allein führt selten zu elementaren Problemen. Es ist die Summation vieler Fehler, die wir nicht handhaben können. 'Snowcard' und Methoden wie Munters '3x3' und die 'Reduktion' sind hervorragende Hebel, Risikomanagement im Schnee zu stemmen - doch sie müssen sich mit entsprechenden Grundkenntnissen und Erfahrungswerten paaren, die wir vermitteln und anregen sie gezielt selbst zu sammeln.

Skiinfo: Plaudern Sie doch noch ein wenig aus dem 'Schneekästchen' ...
Alexander Römer: Im Frühjahr kam einer meiner Begleiter beim Tourengehen in eine kleine Schneerutsche von zehn Meter Breite und etwa 20 Meter Länge, die schnell wieder stoppte - sein Kopf war frei, er bei Bewusstsein und wir sofort bei ihm. Als wir ihn umgehend ausgegraben hatten, wurde er aufgrund der kurzfristigen Unterkühlung bewusstlos, obwohl die Bergung denkbar schnell gelungen war. Bei anderer Begebenheit wurde ein Kollege beim Eisklettern samt Schrauben von einer ebenfalls kleinen Nassschneelawine aus dem Eisfall gerissen - obwohl wir zahlreich und vorbildlich ausgerüstet waren und auch hier schnell zu Hilfe kamen, staunten die noch zahlreicheren Zuschauer nicht schlecht, wie lange wir brauchten, bis wir ihn endlich aus dem steinharten Schnee gegraben hatten. Man muss vorbereitet, ausgerüstet und körperlich und geistig auf der Höhe sein, wenn man alpine Abenteuer wagt, umso mehr im Schnee.

Skiinfo: Danke, dass Sie Sich Zeit für uns genommen haben.